Sie sind hier: Startseite Dienstleister „Qualität ist das beste Investment“

„Qualität ist das beste Investment“

08.11.2017 10:15
Patient Centricity, Social-Media-Analyse, multimethodaler Ansatz oder der hybride Käufer – alles Buzzwords oder gerade aktuell Kategorien, mit denen sich die Marktforschung im Pharmabereich beschäftigt? Die Dynamik der sich hier entwickelnden Themen kann ein Indikator für Marktveränderungen sein, die Hersteller und Marketer im Auge behalten sollten. Die Möglichkeiten sind vielfältig, Produkteinführungen oder -platzierungen mittels Marktforschungsinstrumenten zu unterstützen, denn ein Pharmaunternehmen muss möglichst genau wissen, was der „mündige Patient“ oder Healthcare-Professionals wollen. Die Marktforschung kann hier Antworten geben.

>> Gerade zurück von der Münchner Messe Research & Results 2017 sagt Anja Wenke: „Das Thema ,agile Prozesse‘ hat die Marktforschung voll erfasst.“ Wenke ist Head of DocCheck Research bei DocCheck, die mit ihrer aktuellen Studie „Deep Dive Außendienst“ die Relevanz und Nutzung des Touchpoints Außendienst untersucht haben und darauf basierend derzeit eine Produktidee im Rahmen eines mehrstufigen CoCreation-Ansatzes kreieren.“ Auch Marian Mihelic, Managing Director Market Development & Consulting bei Psyma, nimmt einen deutlichen Trend zur agilen Marktforschung mit Komponenten von Co-Creation und Design-Thinking wahr. „Um auf effiziente Weise zu schnell umsetzbaren Big-Insights zu kommen, ist es entscheidend, die Expertise verschiedener Perspektiven einzubinden“, sagt Mihelic und fährt fort: „Die Zeiten von reinen ,mono-Methoden‘ sind vorbei. Einzelne Tools blicken einfach zu eng, heute ist eher die 360-Grad-Sicht gefragt.“

Ein Rundumblick auf dem Pharmamarkt offenbart dann auch Veränderungen, die beispielsweise mit Fokus auf dem Patienten eine seit mehreren Jahren anhaltende Entwicklung fortschreibt. „Die Tendenz zu Begriffen wie ,Patient Centricity‘ beobachten wir seit einigen Jahren. Vor diesem Hintergrund kommt es zu einem noch verstärkten Transfer von Methoden der FMCG-Forschung in die Pharma-Forschung“, erklärt Patricia Blau, Corporate Director bei GIM Gesellschaft für Innovative Marktforschung mbH, wobei sie darauf hinweist, dass im OTC-Bereich seit Jahren immer weniger Unterschiede zur FMCG-Forschung zu beobachten seien. Mihelic identifiziert ebenfalls die Patient Centricity als ein Schwerpunktthema, das sich in den letzten Jahren, gemessen an der Studiennachfrage der Kunden in den Vordergrund geschoben habe. Er differenziert dabei drei Ansätze:
Beyond-the-Pill: Patientenbedürfnisse als Schlüssel zur Differenzierung jenseits der oft als vergleichbar wahrgenommen Produktleistungen
Arzt-Patienten-Beziehung: Über eine bessere Patientenansprache, Adhärenz und Persistenz den Therapieerfolg steigern
Realworld-Insights: den Patienten in seinem wahren Verhalten, seinen Bedürfnissen und Nöten besser verstehen.

Eine Bewegung in die Lebenswelt und Biografie der Patienten bzw. Konsumenten nimmt auch Blau aus methodischer Sicht vermehrt wahr. „Dabei werden vielfach online bzw. mobile Methoden angewendet, die einen dokumentarischen Einblick in den Alltag ermöglichen. Der Upload von Fotos oder Audio-Nachrichten lässt die Patienten bzw. Konsumenten und deren Umgang mit Ihrer Indikation in der Analyse auch für große, internationale Teams greifbar werden“, erläutert sie. Solche dokumentarischen Methoden würden in der Regel in einen multi-methodalen Kontext eingebettet – also z.B. mit biographischen Interviews zum Verständnis der Patient Journey ergänzt. Der hier anklingende Methodenmix werde auch in Bezug auf die Zielgruppe immer relevanter. „Denn: Patient Centricity heißt im Umkehrschluss nicht, dass die klassischen Pharma-Zielgruppen (Ärzte, Apotheker etc.) aus dem Blick verloren werden. Vielmehr geht es um eine holistische Sichtweise – die auch im Marketing an die Ärzte von Vorteil ist“, denn auch diese würden immer mehr zu Patient Centricity angehalten.

Wirkungsvollere Adressierung: emotional werden

Ausgelöst durch vorwiegend kostenorientierte regulatorische Maßnahmen, die den Marktzugang erschwerten, durch steigenden Innovationsdruck – Stichwort Biosimilars – sowie durch den zunehmenden Digitalisierungsgrad verzeichnet man bei Psyma darüber hinaus den Schwerpunkt Multichannel im Sinne einer Umgewichtung der Kommunikationskanäle. Das werde im Pharma-Bereich vor allem zur Kostenreduktion im Außendienstbereich eingesetzt und betreffe im Consumer Healthcare-Bereich die Nutzung sozialer Medien, gibt Mihelic an. Miles Meier, Unternehmenskommunikation Insight Health, betont stellvertretend für das Unternehmensteam, dass Multichannel indes nicht die Verpflichtung sei, mehr Kundenansprache zu betreiben. Die Fokussierung auf passgenaue, funktionierende sowie effiziente Kanäle, die verzahnt ineinandergriffen, seien häufig der Schlüssel zum Erfolg. „Wichtig sind hier eine breite und einheitliche Datenbasis, übergreifende Prozesse und die Zusammenarbeit im Team“, so Meier.

Als Schwerpunktthema sei zudem die Suche nach einer neuen Kommunikationsart zur wirkungsvolleren Adressierung implizierter und expliziter Entscheidungsmuster in den Vordergrund gerückt, zählt Mihelic weiter auf. Diese Fokussierung beobachtet er speziell im Pharma-Bereich, der immer noch stark auf rationale Adressierung setze. Mihelic wird konkreter: „Im Pharma-Bereich bietet nach unserer Erfahrung das von Daniel Kahneman begründete Konzept von ,System 1‘ und ,System 2‘ einen hervorragenden Ansatzpunkt, um implizite und explizite Treiber ärztlicher Therapie- und Verordnungsentscheidungen marktforscherisch zu erschließen. Im Consumer Healthcare-Bereich ist das gleichermaßen für die Rolle des Apothekers anwendbar.

„Im Verordnungsmarkt sind Besonderheiten im Umfeld von Rabattverträgen ein wichtiges Thema“, lässt uns Miles Meier wissen. Hier sei die Frage nach Open-house- oder Exklusiv-Vertrag ebenso aktuell sowie die zunehmende Beteiligung von Re-Importeuren an Ausschreibungen. Auch die Art und Weise, wie Ärzte und Apotheker über Nichterfüllungen Einfluss auf die Rabattverträge nähmen sei derzeit von Interesse. Das Marktforschungsinstitut könne hier mit vielfältigen, am Point-of-Sale gewonnenen Informationen weiterhelfen. Weiterhelfen will Insight Health auch dem Apothekenmarkt, der sich derzeit in einer Konsolidierungsphase befinde. Das treffe sowohl auf die Offizin wie auch auf die Versandapotheke zu. Wie hier eine Untersuchung aussehen kann, zeigte Insight Health im Juli 2017 mit der Marktanalyse „Apothekenlandschaft im Umbruch“. Die gemeinsam mit Sempora durchgeführte Studie identifizierte, dass die rückläufige Gesamtzahl an Apotheken eine seit Jahren stark gegenläufige Entwicklung verdeckt, nämlich die Tatsache, dass immer mehr Apotheken zu Kleinketten oder Kleinverbünden gehören. Das Engagement dieser häufig unternehmerisch orientierten Pharmazeuten sorge für eine erhebliche Dynamik und führe zu einer beschleunigten Konsolidierung im Apothekenmarkt, so das Ergebnis. Denn aktive Preisgestaltung als fester Bestandteil des Marketing-Mix, biete vor allem bei starken OTC-Produkten wie „Voltaren“ oder „Aspirin“ den Verbünden aufgrund der besseren Einkausfkonditionen ein größeres Rabattniveau, das auch an die Kunden weitergegeben werde.

Apropos „Voltaren“ und „Aspirin“: „Die Marke hat entgegen oder gerade wegen aller Trends zu Preissensitivität und Generika eine ungebrochene oder sogar steigende Relevanz im OTC-Bereich“, ordnet Blau ein und fährt fort: „Sie bietet im teils sehr großen Sortiment einiger Kategorien (z.B. Cough & Cold) eine Orientierung ,auf die Schnelle‘.“ Damit trage sie zur Komplexitätsreduktion in Situationen bei, in denen man – einfach gesagt – gegebenenfalls auch „nicht den Kopf“ hat, sich über Inhaltsstoffe und Preise umfassend zu orientieren.

Den hybriden Käufer identifizieren

Blau identifiziert hier für „alte Marken“ einen klaren Vorteil, da die Behandlungsroutinen teils über Jahrzehnte gelernt seien. Auch hier werde sicherlich der Preis von einer (wachsenden) Gruppe Konsumenten hinterfragt – aber es gebe eben auch den Teil, der „einfach zugreift“ bzw. in der Apotheke gezielt anfordert.

Und welche Rolle spielt die Digitalisierung? Eine stärkere Ausrichtung des Themas Marke in Richtung digitaler Informations- und Verkaufskanäle macht Thomas Schäfer, Director Client Business Development bei Ipsos, aus. „Marken werden verstärkt so aufgestellt, dass sie in diesen Kanälen – auch ohne den Apotheker als Mittler – ebenfalls ihr Potenzial ausschöpfen können.“ Hat ein OTC-Produkt keinen Markenkern vorzuweisen, werde dieses es zukünftig schwer haben, sich in einem verschärften Wettbewerb zu behaupten, sagt auch Guido Baus, Gründer uns Geschäftsführer von pharma-insight, voraus. Für ihn besteht im OTC-Markt immer noch erheblicher Nachholbedarf in Sachen Markenbildung. Hier könne der OTC-Bereich noch viel vom FMCG-Markt lernen, insbesondere auch bei Dachmarkenkonzepten. „Starke Marken sorgen für den Konsumenten für Orientierung und verhindern, dass Konsumenten zu hybriden Käufern werden“, ist sich Baus sicher.

Der hybride Käufer nämlich kauft sowohl preis-, als auch qualitätsorientiert im höherwertigen Einzelhandel. „Für das Marketing im OTC-Geschäft heißt das zunächst einmal zu erkennen, dass es den ,hybriden Käufer‘ gibt und dieser eine signifikante Rolle spielt“, stellt Udo Jellesen, Head of Healthcare Research bei Interrogare, fest. Hierbei stelle sich die Frage, welchen Einfluss Verhaltensdimensionen sowie emotionales Erleben von Markenwelten und Serviceangeboten auf die Preisbereitschaft ausübten und welche Bedeutung diese grundlegenden Einstellungen für ein zukünftiges agieren der Hersteller im OTC-Geschäft hätten. „Dabei kommt der Marke als Markenwelt und deren emotionale Identität als Erlebnisdimension eine zentrale Rolle zu. Durch den konsequenten Ausbau der Marke unter Berücksichtigung der zunehmenden Emotionalisierung des Einkaufsvorganges und Verwendung des Produktes sowie der damit verbundenen Wertschätzung, muss auch im OTC-Geschäft dieser Weg eingeschlagen werden“, fährt Jellesen fort. Nur so könnten Abverkaufsverluste der Offizin-Apotheke durch Online-Apotheken oder Internet-Drugstores aufgefangen werden. Ein Gelingen sei jedoch nur in enger Zusammenarbeit der OTC-Hersteller mit den Apotheken vor Ort möglich und stehe im Interesse beider Marktteilnehmer.

Schäfer erwartet durch die zunehmende Nutzung von Onlinekanälen ein rückläufiges Interesse an Beratung in der Offizin. „Beratung wird in Zukunft nicht mehr von allen gewünscht und nachgefragt, sondern könnte sich auf Erstkäufe und auf schwierige Indikationen fokussieren.“ Baus prognostiziert der Beratung in der Apotheke eine weiterhin elementare Bedeutung. Allerdings müsse der Vertriebsort Apotheke bei speziellen Produkten wie beispielsweise im Bereich Kosmetik und Ästhetik sein Profil schärfen, um den Einkauf zum Erlebnis mit Wellnessfaktor zu machen. „Letztendlich ist eine glaubwürdige Beratung von Mensch zu Mensch durch nichts zu ersetzen“, betont Jellesen, der, gefragt nach der zunehmenden, durch Social Media bedingten Transformation des Verbrauchers vom reinen Empfänger hin zum Sender, erklärt: „Der Verbraucher nimmt durch die Digitalisierung immer mehr die Rolle eines Influencers ein und bestimmt damit über den Erfolg oder Misserfolg einer (OTC-) Marke mit. Das Monitoring der Aktivitäten in sozialen Netzwerken bezüglich bestimmter Marken kann hilfreich sein, besonders negative gravierende Ereignisse frühzeitig zu erkennen und durch geeignete Kommunikationsmaßnahmen gegenzusteuern.“ Doch viel wichtiger als solche sehr selten vorkommenden schwerwiegenden Ereignisse, sei eine kontinuierliche Informationsversorgung der Communities. „Entscheidend für den Markterfolg ist z.B. das Bewertungsverhalten der Käufer bestimmter Marken auf Käuferportalen der Online-Apotheken, Amazon, etc. Diese wichtigen ,Ampelsysteme‘ sollten auch von den einzelnen Apotheken vor Ort genutzt werden, um Verbraucher von einer Marke zu überzeugen“, zeigt Jellesen eine mögliche Richtung auf. Die Methoden der Produktbewertung aus der Online-Welt könnten durchaus im der realen Kaufsituation in der Apotheke erfolgreich adaptiert werden und so den Abverkauf vor Ort stabilisieren. Denn nicht der Preis allein sei ein Entscheidungskriterium, sondern auch das Vertrauen in eine Marke – und das gelte ganz besonders für eine OTC-Marke. Doch wie könnte ein solches System für die stationäre Apotheke aussehen? Jellesen hält die Beauftragung einer Agentur durch die ABDA für möglich, die derartige Bewertungen sammelt – eventuell wirklich in Zusammenarbeit mit Bewertungsportalen – und diese den angeschlossenen Apotheken zur Verfügung stellt. Dies könne auch in Zusammenarbeit mit den Markenherstellern erfolgen. Die Präsentation sei über Touchscreen-Bildschirme denkbar oder die „Gewinner-Produkte“ könnten entsprechend der Indikation in bestimmten Regalen platziert werden.

Die Rolle von Social Media

Um im digitalen Feld zu bleiben: Social Media-Analysen stellen für Guido Baus eine effektive Möglichkeit dar, bei der übergreifenden Beobachtung der Zielerreichung oder auch beim täglichen Community-Management zu unterstützen. Man könne unterschiedliche Themen und Produkte testen und erkenne im Vergleich mit dem Wettbewerb, welches Thema am besten laufe, ob die Community z.B. eher Fotos oder Videos anklickt oder an welchem Wochentag und zu welcher Tageszeit sie am aktivsten ist.

„Durch Social Media-Analysen wird das Marketing in die Lage versetzt, zielfokussierter und zielgruppenorientierter zu agieren und zukünftige Schwerpunkte zu definieren. Ferner ist es durch Social Media-Analysen möglich, Input für die Produktentwicklung zu erhalten. Social Media-Analysen sind einerseits ein Stimmungsbarometer und andererseits auch ein Impulsgeber für neue Produkte“, definiert Baus während Marian Mihelic seine eher ambivalente Position zu Social Media Monitoring erklärt. Auf der einen Seite könnten die Daten wertvolle Analysen für problematische Marktsituationen liefern, z.B. wenn sich nachteilige Posts viral verbreiten. „Bei Markteinführungen tragen Social Media Daten dagegen eher nur eingeschränkt zu wirklich vertiefenden Analysen bei. Analysen zum Market Landscaping oder Wettbewerberanalysen sind hier, wie auch bei Post-Launch-Aktivitäten nur mit großer Vorsicht zu betrachten, da die große Unbekannte an Influencern zu einem unkalkulierbaren Bias führt.“ Außerdem reduziere sich die Datenlage bei spezifischen Fragestellungen sehr oft auf wenige Posts bzw. Quellen, gibt Mihelic zu bedenken.

Als komplementäre Maßnahme wollen sowohl Insight Health wie auch Ipsos das Thema Social Media Analyse zur Optimierung des Marketings verstanden wissen. Für Schäfer stellen Review-Analysen, also die systematische Auswertung der Feedbacks zu Produkten, einen guten, zusätzlichen Beitrag zu anderen Ansätzen dar und nutzten so, dass Konsumenten auch als Sender tätig seien.

Zukünftige Herausfoderungen

„Ich denke, die größten Herausforderungen die wir in der Healthcarebranche derzeit sehen, kann man in zwei Gruppen unterteilen“, beschreibt Jellesen seinen Blick als Marktforscher auf die Entwicklung der Branche. Zum einen nennt er alle Herausforderungen, die sich im Zusammenhang mit Befragung von Healthcare Professionals ergeben. Also Einschränkungen durch den Gesetzgeber, die Pharmaindustrie und die Ärzteschaft, die mittelfristig zu einer weiter zurückgehenden Responsebereitschaft führten. Zum anderen seien dies inhaltliche Herausforderungen, bedingt durch eine schnelle Veränderung des Markts und der Marktteilnehmer durch Digitalisierung und Globalisierung. Die Märkte müssten heute sehr viel schneller und flexibler auf Veränderungen reagieren können, um den Anforderungen der Marktteilnehmer gerecht zu werden. „Ein verlorener Kunde ist heute sehr viel schmerzhafter als noch vor 15 Jahren, weil Angebotsalternativen durch Markttransparenz und aktiv suchende Marktteilnehmer sehr viel vielfältiger sind und genutzt werden. Daher ist es im Rahmen dieser Bedingungen weitaus wichtiger, möglichst immer auf den Punkt ,das Richtige‘ für seinen Markterfolg zu tun“, schließt Jellesen.

Der betriebliche Marktforscher könne sich, wenn er sich nicht nur als reiner Datenlieferant sehe, für das Produktteam als kritischer Methodenberater und Marktkenner unentbehrlich machen, resümiert Mihelic. Dem Marketingentscheider legt er ans Herz, vor allem auf die impliziten und expliziten Entscheidungstreiber der Zielgruppe Wert zu legen und für den Einkauf hat er gleich einen „doppelten Rat“: Erstens solle die direkte inhaltliche und Methodendiskussion zwischen Instituts- und betrieblichem Marktforscher nach RfP-Aussendung nach Möglichkeit nicht unterbunden werden. Zweitens empfiehlt er, nicht allein „den günstigsten Preis“ zu kaufen, sondern realistisch und vorausschauend im Unternehmenssinn zu agieren. Der Marketer könne darüber hinaus zum Produkterfolg beitragen, indem er den kreativen Ideen der Marktforschungsinstitute Luft zum Atmen gebe. „Denn der spätere Erfolg des Produkts am Markt entscheidet sich in hohem Maß gleich zu Beginn – wenn es auf die Daten- und die Beratungsqualität in der frühen Weichenstellung ankommt. Qualität ist hier das beste Investment und nachweislich seinen Preis wert“, ist sich Mehelic sicher.

Um ein Produkt erfolgreich auf dem Markt einzuführen, empfiehlt Insight Health, bereits 2 bis 3 Jahre vor dem Launch eine qualitative Marktanalyse durchzuführen. Dabei dürften nationale wie regionale Umsatz- und Absatzzahlen für Mitbewerberprodukte und Markt nicht fehlen wie auch Source-of-Business-Analysen und die Abbildung von Marktdynamik-Parametern. Auch der Abgleich der aktuellen und künftigen Patentlage im Markt dürfe nicht vergessen werden.

Bedenklich findet Guido Baus diese Entwicklung: „Aktuell wird ein permanenter Trend zur Reduzierung von Außendienstaktivitäten erkannt, der aus unserem Blickwinkel als kritisch zu bezeichnen ist. Bei allen Studien im Healthcare-Markt konnten wir bei allen Marktteilnehmern deren Unzufriedenheit mit diesem Tatumstand identifizieren.“ Der Außendienst sei bei allen Zielgruppen als Erfolgsfaktor definiert worden, der dem Unternehmen bzw. der Marke ein „Gesicht“ gebe. An telefonische Außendienst-Calls erinnerten sich die Marktteilnehmer nur eingeschränkt bzw. gar nicht. Die Erinnerung an einen festen Ansprechpartner bzw. eine Persönlichkeit des Unternehmens werde hingegen gespeichert und als wichtig erachtet.

Zu diesem Ergebnis kommt in ähnlicher Form auch die eingangs erwähnte Doc Check Studie zum Touchpoint Außendienst. Die quantitative Online-Umfrage im Doc Check Online Panel umfasste 398 Ärzte und Apotheker, die im Mai und Juni dieses Jahres zur Relevanz des Außendienstes im digitalen Zeitalter befragt wurden. Bei Betrachtung der Informationsquellen der HCPs liegen Fachzeitschriften mit 97 Prozent ganz vorne, wobei zwei Drittel dieses Medium intensiv nutzen. Mit 90 Prozent belegt der Außendienstmitarbeiter nach dem Fachaustausch mit Kollegen, den Fachbüchern und der Internetrecherche Rang fünf. Jeder dritte dieser Gruppe nutzt zudem den Dienst intensiv, wie die Befragung zeigt.

Der persönliche Austausch ist allerdings zeitintensiv und setzt unter Druck. Digitale Lösungen als Ergänzung zum Außendienstbesuch stoßen daher bei den Befragten auf hohes Interesse. Aufgrund dieses Ergebnisses hat das Unternehmen eine neue Produktidee für eine Außendienst-App, Doc Check Rep, zum Testen freigegeben und 17 Ärzte und Apotheker ins Doc Check Co-Labor geschickt. „Aus einer vagen Hypothese entstand im Rahmen einer Eigenstudie mit Mixed-Methods-Ansatz eine konkrete Produktidee für eine neue Doc Check-App für Außendienste.“ Die Studienergebnisse zeigten, erklärt Anja Wenke, dass die angedachte Lösung genau die aktuellen Bedürfnisse sowohl der Hersteller als auch der Heilberufler treffe, also beiden für Doc Check relevanten Zielgruppen nutzt. „Wir waren wie elektrisiert, schoben direkt einen Konzepttest nach und gingen in die Tiefe. Erneut waren die Feedbacks äußerst vielversprechend.“ CEO Frank Antwerpes gab schnell entschlossen grünes Licht und die App ist nun in der Entwicklung, beschreibt Wenke den Status quo. Maximale Praxisnähe stehe dabei weiterhin im Fokus, sodass die App-Entwicklung im Rahmen eines fortlaufenden Co-Creation-Ansatzes unter Einbeziehung der Stakeholder, die die App später anwenden sollen, erfolgt. Bei Außendienstlern von Pharmaherstellern sowie den Heilberuflern – speziell Ärzten und Apothekern – soll die App zum Einsatz kommen. „Nur wenn die Außendienst-App aus Sicht beider Verwendergruppen Sinn macht und gewollt wird, wird sie auch Erfolg haben. Also sind wir offen und dankbar gerade für die kritischen Töne“, hebt Wenke hervor. Die beteiligten Tester wiederum seien sehr begeistert, so früh mitwirken zu können und gäben wertvolle Tipps aus dem Praxisalltag, sodass sehr schnell klar werde, welche Features die App wirklich brauchbar machen.

„Ob die Innovation die Zielgruppe begeistert, ist oft eine Frage raffinierter Details. Dies lässt sich nicht planen oder errechnen, dies muss man testen und in iterativen Prozessen perfektionieren“, beschreibt Wenke das Vorgehen bei der Entwicklung dieser Produktinnovation, die die Customer-Experience ins Zentrum stellt.
„Solch ein marktforschungsintegrierter Produkt-Entwicklungsansatz bietet hier die ideale Lösung. Und man ist schnell! Die Entwicklung erfolgt – ganz im Sinne agiler Prinzipien – sehr zielgerichtet, flexibel und lernend“, definiert Anja Wenke. <<

Ausgabe 11 / 2017

Artikelaktionen
Editorial

Editorial_Peter_Stegmaier.jpg

Editorial 11/2017

Rundumblick auf den Markt

Specials

Termine
Executive MBA Health Care Management 11.02.2016 - 09.12.2017 — Oestrich-Winkel
Aufbauseminar: Pharmakovigilanz 21.11.2017 - 22.11.2017 — Offenbach/Main
Pharmakovigilanz spezial: Signal- und Risiko-Management 23.11.2017 09:00 - 17:00 — Offenbach
Werbeaussagen absichern & verteidigen 05.12.2017 09:00 - 17:00 — Frankfurt
ExpertFORUM Informationsbeauftragte 2017 05.12.2017 09:00 - 17:00 — Frankfurt
Kommende Termine…