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Der Mann, das schwache Geschlecht?

17.05.2017 11:28
Die Feminisierung der Gesellschaft wird als einer der Megatrends von Zukunftsforschern eingestuft. Auf der einen Seite liegt das daran, dass die Frauenerwerbsquote in demographisch schrumpfenden Bevölkerungen weiter ansteigen muss, um die Nachfrage­lücke bei Erwerbspersonen (ohne zusätzliche Zuwanderung) zumindest teilweise füllen zu können. Auf der anderen Seite wird auch vom „Auslaufmodell Mann“ gesprochen, der zwar bislang noch die zentralen Schlüssel- und Führungspositionen in den Unternehmen besetzt. Aber die Relation zugunsten des Mannes nimmt ab, da immer mehr Frauen auf die Führungsebene vorstoßen. Zudem weisen Frauen mittlerweile im Durchschnitt höhere Bildungsquotienten auf und haben eine viel höhere Lebenserwartung: Frau überlebt letztendlich mehrheitlich den Mann!

>> Vor dem Hintergrund, dass die Männer den Frauen nicht nur in Punkto körperlicher Kraft und Ausdauer überlegen sind, sondern auch aus Gesundheitsstudien im Allgemeinen als die Gesünderen hervorgehen, erscheint ihre geringere Lebenserwartung paradox. Ist der Mann vielleicht gar nicht das starke, sondern vielmehr das schwache Geschlecht? Wie lässt sich die kürzere Lebenszeit der Männer eigentlich erklären? Sind Männer biologisch benachteiligt? Oder verhalten sie sich einfach nicht klug oder geschickt genug, um länger leben zu können, wie es zum Beispiel die unten abgebildete Werbekampagne von Wallis vermittelt? Fragen, die auf den ersten Blick banal klingen mögen, aber die in Zeiten von Burnout, Work-Life-Balance und Best Age-Marketing mehr Bedeutungsgewicht verdienen. In der demographischen Forschung ist das Thema der gender-spezifischen Mortalität viel beachtet und intensiv untersucht. Sie liefert bereits erste Antworten darüber, warum Männer bis heute früher sterben als Frauen.

Frauen leben deutlich länger?

Auch wenn für beide Geschlechter die Lebenserwartung bei Geburt in Deutschland (und allen anderen Industrienationen) seit mehr als 100 Jahren ansteigt, hat sich mit der flächendeckenden medizinischen Betreuung und dem Rückgang der Müttersterblichkeit (Kindbettfieber, u.ä.) auf nahezu Null die „Übersterblichkeit“ des Mannes gegenüber den Frauen vergrößert. Im Durchschnitt leben Frauen heute 5 bis 6 Jahre länger als Männer. Anfang der 1980er Jahre betrug der Unterschied sogar knapp 7 Jahre in der Lebenserwartung bei Geburt. Werden Bildung oder Einkommen als zusätzliche Variablen hinzugezogen, dann vergrößert sich der Abstand zwischen den Geschlechtern sogar auf bis zu 10 Jahre in niedrigen Einkommens- und Bildungsschichten.

Auch im höheren Lebensalter haben Frauen noch deutlich mehr Lebensjahre vor sich als Männer. Die Restlebenserwartung von Frauen bei einem erreichten Alter von 65 Jahren beträgt heute 20,7 Jahre, bei Männern dagegen nur 17,5 Jahre. Und auch hier gibt es noch intervenierende Faktoren, welche die Unterschiede zwischen Mann und Frau vergrößern oder verkleinern. Ein höherer Bildungsstatus beispielsweise verringert den Abstand zwischen den Geschlechtern deutlich um bis zu 3 Jahre. Nach internationalen Studien reduziert der Raucherstatus (der bei Männern deutlich höher ist als bei Frauen) die Restlebenserwartung der Männer im Alter 65 um etwa 9 Jahre. Auch hier korrelieren Bildungsniveau, Berufsmillieu sowie zusätzliche Risikofaktoren, wie übermäßiger Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Übergewicht sowie psychischer Stress im weiteren Sinne.

Warum Männer früher sterben (müssen?)

Um wissenschaftlich genau die Determinanten bestimmen zu können, warum Frauen insgesamt Männer überleben, bedarf es einer Experimentsituation, in der Männer und Frauen vergleichbare Lebensverhältnisse aufweisen. Im Zeitalter der Globalisierung gleicht sich zwar vieles an, das meiste aber eben doch nur scheinbar oder nur bis zu einem bestimmten Grad: Frauen bekommen Kinder, Männer nicht; Männer definieren sich stärker (und teilweise ausschließlich) über den Beruf, Frauen beherrschen Multi-Tasking im Lebensalltag besser und effizienter; Männer leben insgesamt riskanter, sie rauchen mehr, trinken mehr, fahren schneller, usw. Der alltägliche Lebensablauf ist insgesamt sehr verschieden und trotz Globalisierung nicht vergleichbar.

Eine wirklich vergleichbare Lebenssituation für die Analyse von Sterblichkeitsunterschieden zwischen Männern und Frauen findet man nur in Klöstern vor. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ist das Leben der Ordensmitglieder frei von zahlreichen gesellschaftlichen Stressfaktoren. Nonnen und Mönche müssen weder sich selbst noch eine Familie versorgen und leiden auch nicht unter Eheproblemen und finanziellen Schwierigkeiten oder Sorgen in Verbindung mit Kindererziehung, Beruf und ähnlichem. Selbst die für große Teile der männlichen Allgemeinbevölkerung typischen Konkurrenzkämpfe um beruflichen Aufstieg und soziale Anerkennung sind in Klöstern weniger ausgeprägt. Das Klosterleben ist streng geregelt („ora et labora“), wodurch die Mitglieder von der typisch weltlichen Belastung der permanenten Organisation des Alltags befreit sind und täglich Stress reduzierende Unterbrechungen der Arbeitszeit erfahren.

Im Rahmen von zahlreichen Untersuchungen einer langfristigen Klosterstudie konnten zwischenzeitlich eindeutige Ergebnisse geliefert werden. Für das längere Leben von Frauen gegenüber Männern sind biologische von nicht-biologischen Faktoren zu unterscheiden. Zu den biologischen Faktoren gehören vor allem genetische und hormonelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern wie das zweite X-Chromosom der Frauen, das vor allem zu einem besseren Schutz vor Herzkreislaufkrankheiten führen soll. Allerdings bewirken diese Faktoren wohl nicht mehr als einen Vorteil von einem Lebensjahr für die Frauen. Zumindest deuten die Ergebnisse der Klosterstudie darauf hin, da die Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen Nonnen und Mönchen, die fast ausschließlich auf eben diese biologischen Differenzen zurückgeführt werden können, kaum mehr als ein Jahr betragen. Abbildung 3 macht deutlich, dass die Männer der Allgemeinbevölkerung letztlich im Durchschnitt um 4 bis 5 Jahre zu früh sterben. Was sind nun die Ursachen hierfür, wenn es die Biologie nicht ist?

Neben dem biologischen Nachteil der Männer wird ihre Übersterblichkeit vor allem durch zahlreiche ungesunde Verhaltensweisen hervorgerufen. Nach demographischen Schätzungen gehen gegenwärtig 2 bis 3 Jahre der Geschlechterdifferenz auf das Rauchen zurück. Dieser Effekt wird sich aber in Zukunft verringern, da sich die Raucheranteile bei Männern und Frauen angleichen und sich Rauchen bei Frauen noch negativer auf die Lebenserwartung auswirkt als bei Männern.

Die restlichen etwa 2 Jahre Unterschied in der Lebenserwartung von Männern und Frauen lassen sich auf übermäßigen Alkoholkonsum, Unfälle (z.B. im Straßenverkehr und anderen risikobehafteten Kontexten), berufsbedingte Gesundheitsrisiken und nicht zuletzt psychologisch bedingte Stressfaktoren zurückführen. Alle Faktoren hängen kausal stark miteinander zusammen und lassen keine exakten Lebensdauerangaben zu, wie es beispielsweise für das Rauchen durch die Analyse von Todesursachen möglich ist.

Insbesondere der im Kloster über Gelübde (Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam) geprägte „einfache“ Lebensstil mit einem nahezu identisch geregelten Tagesablauf bzgl. Schlafrhythmus, Arbeitszeiten, ausgeübten körperlichen und geistigen Tätigkeiten sowie Erholungsphasen scheint einen enormen Einfluss auf das Stressempfinden – insbesondere bei den Männern – auszuüben. Das Klosterleben zwingt zwar zu Tagesabläufen, befreit aber auch vor Belastung und permanenter Organisation, mit denen Männer in der Allgemein­bevölkerung schwerer umgehen können. Auch familiäre Veränderungen dürften für Männer einen weitaus größeren Stressfaktor ausmachen, der sich letztlich auch auf die Mortalität auswirkt. Beispielsweise haben geschiedene Männer in der Allgemeinbevölkerung die mit Abstand geringste Lebenserwartung. Bei Frauen wirken sich Scheidung und auch Verwitwung wesentlich weniger stark auf die Sterblichkeit aus.

Kann den Männern geholfen werden?

Männer „verschenken“ folglich Lebensjahre, wobei der Mann für den Großteil dieses Verschleuderns offensichtlich selbst verantwortlich ist.

Mit Rauchen kann man jederzeit aufhören, was selbstverständlich auch einen Zugewinn an Lebensjahren nach sich ziehen würde. Aber selbst bei angenommener Geschlechtergleichheit in der Raucherhäufigkeit sterben Männer 3 bis 4 Jahre früher als Frauen, wenn sie nicht in der Abgeschiedenheit von Klöstern leben.

Für Psychotherapeuten und Gesundheitsmanager gibt es folglich noch viel zu tun: Über ein effizientes Men’s Health Care Management müsste sich ein weiteres Angleichen der Lebenserwartung der Männer an die der Frauen erreichen lassen. Weniger Stressempfinden beim Mann wird wohl auch zu weniger übersteigertem Kompensationsdrang auf die Dinge verleiten, die allgemein hin als die schönen Dinge des Lebens gelten, aber für den Mann mitunter lebensgefährlich sein können: Rauchen, höhere Dosis an Alkohol, noch schnellere Autos und noch mehr Kicks. Am Ende erhält man(n) dafür aber bis heute nur früher seinen Grabstein. <<

Autoren
Dr. Marc Luy leitet die Forschungsgruppe „Health and Longevity“ des Vienna Institute of Demography der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sein bekanntestes Forschungsprojekt ist die „Deutsch-Österreichische Klosterstudie“, für die er bereits mehrere wissenschaftliche Auszeichnungen erhielt. Der zweimalige ERC-Preisträger erforscht insbesondere die komplexen Mechanismen einer Alterung in guter Gesundheit und innovative Methoden zur Schätzung der Lebenserwartung und der in Gesundheit verbrachten Lebenszeit bestimmter Bevölkerungsgruppen.
Dr. Uwe Lebok
ist CMO bei K&A BrandResearch. Er ist seit 2005 im Vorstand und dort verantwortlich für Marketing und Vertrieb. Dr. Lebok kam 1999 zu K&A, wo er zunächst für die branchenübergreifende Kundenbetreuung zuständig war. Heute unterstützt er vor allem mittelständische Unternehmen mittels researchbasierter Markenstrategien.
Kontakt: info@ka-brandresearch.com

Ausgabe 05 / 2017

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