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DTC fördert Prävention

Obwohl die "Familie" und das "Gespräch unter Freunden" bei 60 bis 80 Prozent der Patienten entscheidend für die Initiierung eines Arzt-Besuches ist, wird die Direktkommunikation mit dem Patienten und Verbraucher (DTC) gerade über ethische Produkte zunehmend zur Core-Kompetenz der strategischen Marketingplanung. Fakt ist, dass sich von den 50 Präparaten mit dem größten Investment in DTC mehr als die Hälfte auf der Liste der Top-Selling-Produkte befindet. Dabei besteht eine direkte Beziehung zwischen den eingesetzten Mitteln und der Marktpenetration. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Intensität der Werbung häufig mit dem erzielten Umsatz korreliert. Von Dr. Dr. Fred Harms und Marc Drüner

Laut National Institute for Health Care Management Foundation (NIHCM) werden für die Top-50-Produkte 95 Prozent des gesamten Budgets investiert, wobei die 15 Top-Marken mehr als 50 Prozent des Investments auf sich verbuchen. Dabei werden in der Regel nur medizinische Innovationen für chronische Indikationen beworben. Allergien, Arthritis, Asthma, Depression, Herz-Kreislauf, neuro-degenerative Erkrankungen und sexuelle Funktionsstörungen stehen zu 80 Prozent im Mittelpunkt.

Patienten nutzen DTC

Nach neuesten Erkennntissen aus dem von Weissman Web Exclusive zusammen mit der Harvard Uni­versity/Massachusetts General Hospital und Harris Interactive durchgeführten Project HOPE werden nach Befragung von 3.000 Erwachsenen 40 Prozent der Patienten durch Rundfunk und Fernsehen, 35 Prozent durch Printwerbung und 30 Prozent durch das Arztgespräch in ihrer Entscheidungsfindung beeinflusst. Apotheker als Medikamentenspezialisten spielen mit nicht einmal 20 Prozent eine zunehmend untergeordnete Rolle. Experten sehen in diesen Ergebnissen das Meinungsprofil der US-Bevölkerung richtig wiedergegeben. Somit ist der Einfluss der Medien auf die Meinungsbildung der Patienten genauso wichtig geworden wie das Arzt-Patienten-Verhältnis.

Nach dieser Studie haben 86 Prozent der Befragten eine DTC-Kampagne innerhalb der letzten 12 Monate bewusst im Fernsehen oder im Radio wahrgenommen. 30 Prozent der Befragten haben daraufhin ein Gespräch mit ihrem Arzt über die Verschreibung eines innovativen Therapiekonzeptes bzw. über die Möglichkeit eines Wechsels zu einem entsprechenden Medikament gesucht. Entscheidend ist dabei, dass DTC selektiv wahrgenommen wird, da bei der Hälfte der Patienten die Erkrankung innerhalb der letzten sechs Monate diagnostiziert wurde. Am häufigsten wurden die Ärzte auf folgende Indikationen angesprochen: Allergien (13 Prozent), Arthritis (10 Prozent), Herz-Kreislauf und Diabetes (je 7 Prozent) bzw. Asthma (je 5 Prozent). Auffallend ist, dass auch die Zahl bisher nicht diagnostizierter Risikopatienten, die das Gespräch mit ihrem Arzt suchten, zugenommen hat. Vor allem bei Herz-Kreislauferkrankungen (13 Prozent), Allergien (9 Prozent), gastrointestinalen Beschwerden (8 Prozent), Arthritis (6 Prozent), Diabetes und Depression (je 5 Prozent) wurden notwendige Therapien eingeleitet.

DTC spricht vor allem Hochrisiko-Patienten an

Von besonderem Interesse ist dabei, dass 45 Prozent dieser Patienten zur Gruppe der Hochrisiko-Patienten gehörten. Somit kann das Vorurteil widerlegt werden, dass durch DTC vor allem Gesunde das Arztgespräch suchen, teure Medikamente fordern und mittelfristig die Kosten erhöhen würden. Nur jeder Fünfte (19 Prozent) bedurfte keiner ärztlichen Unterstützung. Von Seiten der Betroffenen wurde bemerkt, dass 95 Prozent das Gefühl hatten, eine durch DTC beim Arzt initiierte positive Reaktion erfahren zu haben. 80 Prozent der Betroffenen gaben an, durch die über die Medien erhaltenen Informationen ein besseres Verständnis für die Notwendigkeit der vom Arzt vorgegebenen Therapie erhalten zu haben und die Neigung zum Absetzen des Medikamentes abnahm. Somit bestätigen diese Ergebnisse die seit einigen Jahren von verschiedenen Experten geäußerte Vermutung, dass DTC präventiv wirkt, das Arzt-Patienten-Verhältnis verbessert, die Compliance erhöht und mittel- und langfristig einen konstruktiven Beitrag zur Finanzierung des Gesundheitssystems leistet.

Die FDA wacht

Auf Basis von Angaben der pharmazeutischen Industrie werden im Jahre 2003 schätzungsweise 20 Milliarden US-Dollar in Werbemaßnahmen investiert, davon alleine 2,8 Milliarden in DTC. Zwischen 1997 und 2003 hat sich das Budget für DTC um 150 Prozent erhöht. Die amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) hat in den letzten Monaten in zwei großen Untersuchungen ihre Position zu DTC eindeutig dargelegt. Zum einen gibt der GAO-Report 03-177 des United Staates General Accounting Office for Congressional Requesters vom Oktober 2002 einen genauen Überblick über alle Aktivitäten. Zum anderen wurde durch Kathryn J. Aikin im Februar dieses Jahres in der Studie „FDA´s Physician Survey on DTC Rx Drug Ads shows Health Benefits", für die 500 Ärzte zu ihrer Einstellung in Bezug auf DTC befragt wurden, der Status Quo dezidiert dargestellt.

Im GAO-Report wurden noch einmal die Regularien zur Durchführung von DTC definiert. Darin wird in Anlehnung an die erste Version vom August 1997 mit dem Titel „Sources 21 C.F.R. § 202; FDA Guidance for Industry: Consumer-directed Broadcast Advertisements" klargestellt, dass alle Werbemaßnahmen vor dem Start der FDA vorgelegt werden müssen, es sei denn, es handelt sich um Help-Seeking-Advertisements, bei denen eine Erkrankung (Disease-Awareness) und nicht ein Medikament im Mittelpunkt steht. In Anlehnung an diese Verordnung wurde sowohl für die Print-, als auch für die Radio- und Fernsehwerbung ein Verhaltenskodex festgelegt. Wichtig ist, dass sich der Kodex nicht nur auf die Wirkung des Medikaments, sondern auch auf die Nebenwirkungen bezieht. Außerdem dürfen Angaben für die Generierung weiterer Informationen - z.B. über eine kostenlose Telefonnummer - nicht fehlen. Dabei behält sich die FDA das Recht vor, Verstöße zu ahnden oder einzelne Werbeaussagen ganz zu verbieten.

Rügen durch FDA gehen zurück

In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Rügen durch die FDA kontinuierlich verringert. Von Mitte 1997 bis Mitte 2002 wurden nur 88 sogenannte Regulatory Letters for Violative DTC Advertisements verschickt (44 mal Rundfunk/Fernsehen, 35 mal Print, 9 mal Rundfunk/Fernsehen/Print betreffend). Die FDA kennt zwei Stufen der Verwarnung: Zum einen die Untitled-, zum anderen die Warning-Letters. Untitled-Letters kommen in Frage, wenn das pharmazeutische Unternehmen die Wirkung eines Medikamentes unsachgemäß darstellt. Warning-Letters kommen zum Einsatz, wenn Informationen eine Gefahr oder eine „bewusste" Täuschung der Konsumenten bedeuten können. Die ermahnten Hersteller müssen innerhalb von 14 Tagen reagieren. Innerhalb der letzten fünf Jahre kam es nur bei fünf Prozent der Werbebotschaften zu Beanstandungen. 95 Prozent der Mahnungen erfolgten auf Grund geringfügiger Anmerkungen und nur vier wegen unsachgemäßer oder medizinisch falscher Behauptungen. Die rückläufige Tendenz ist ein Zeichen dafür, dass sich die Qualität der DTC-Konzepte kontinuierlich verbessert, und die Akzeptanz von Seiten der amerikanischen Zulassungsbehörde zunimmt. Negativbeispiele wie die Vermarktung von Lescol (Novartis) mit dem sich anschließenden FDA Warning-Letter vom Januar 1999 dienen nur noch als Case-Study zur Ausbildung des pharmazeutischen Nachwuchses.

Ärzte lernen DTC zu schätzen

Die von Dr. Aikin durchgeführte Untersuchung brachte folgende Ergebnisse:

  • 92 Prozent der Ärzte sagen, dass sie durch DTC nicht dazu gezwungen würden, etwas zu verschreiben, was sie nicht verschreiben möchten.
  • 88 Prozent der Patienten, die einen Arzt auf ein bestimmtes Medikament ansprechen, leiden entweder an einer entsprechenden Erkrankung oder sind noch nicht diagnostizierte Risikopatienten.
  • 82 Prozent der Ärzte geben an, dass die Patienten genau wüssten, wann sie einen Arzt aufsuchen sollten. Auch sei den Patienten bewusst, dass nur der Arzt die Kompetenz über eine Therapieentscheidung besitze.
  • 80 Prozent der Ärzte glauben, dass die Patienten differenziert beurteilen können, ob ein beworbenes Medikament eine therapeutische Option darstellt.
  • 75 Prozent der Ärzte vertreten die Auffassung, dass durch Mass Communications die Hoffnung auf entsprechende Wirksamkeit beim Patienten zunehme.
  • 72 Prozent der Ärzte sind der Meinung, dass durch DTC ein besseres Bewusstsein für die Notwendigkeit einer Medikation entstehe.
  • 58 Prozent der Mediziner sagen, dass die Patienten eine aktivere Rolle bei der Bewältigung ihrer Erkrankung einnehmen.

Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse aus den USA ist es an der Zeit, die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Europa auf den Prüfstand zu stellen. Das gilt vor allem hinsichtlich der Haltung des EU-Parlamentes, das im Oktober 2002 dem Vorstoß des EU-Kommissars Patrick Deboyser in Richtung Lockerung des Werbeverbotes eine Abfuhr erteilte. Es ist schwer nachzuvollziehen, dass die EU-Abgeordneten es der pharmazeutischen Industrie verbieten, testweise für drei Jahre Informationen über Arzneimittel gegen AIDS, Diabetes und Asthma direkt an Patienten zu geben.

EU-Länder vergeben Chancen

Wenn man bedenkt, dass bis zu 80 Prozent dieser Patienten das Internet regelmäßig direkt oder indirekt nutzen, dann wird jedem Betrachter sofort klar, dass diese Form der europäischen Informationspolitik nicht, wie so gerne angemerkt, die Bedürfnisse der Patienten reflektiert. Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, dass 70 bis 90 Prozent der chronisch Kranken keine Ahnung von den Wirkungen und Nebenwirkungen der Medikamente haben, die sie täglich konsumieren sollten. So verwundert es dann nicht, dass sich nur 25 Prozent der Patienten arzt- und therapiekonform verhalten.

Da Compliance etwas mit Überzeugung zu tun hat, diese allerdings mit breit verfügbaren Informationen beginnt, mutet es in Anbetracht der desolaten Finanzen unserer europäischen Gesundheitssysteme schon grotesk an, wenn Gesundheitspolitiker etwas ablehnen, das auch in Europa dazu beitragen könnte, die Folgekosten der geringen Compliance in Höhe von mehr als 30 Milliarden EUR zu senken.

Die Autoren:
Dr. Dr. Fred Harms, Geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Life Sciences Management, Berlin, und Lehrbeauftragter an der TU Bwerlin und der Steinbeis-Hochschule, Berlin

Marc Drüner, Geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Life Sciences Management, Berlin, und Lehrbeauftragter an der TU Berlin und der Steinbeis-Hochschule, Berlin


November 2003, Ausgabe Nr. 11

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