Vom „Paradigmenwechsel“ kalt erwischt
In Loriots Filmkomödie „Pappa ante Portas“ von 1991 gibt es eine Szene, in der der frühpensionierte Einkaufsdirektor Heinrich Lohse im Wohnzimmer die Feuilletons alter FAZ-Ausgaben auf dem Boden ausbreitet, um diese zu sichten, zu sortieren, zu archivieren – und damit im Wesentlichen den häuslichen Betrieb stört und entsprechend Ärger bekommt. Für Lohse ist Zeitungslektüre nicht nur Informationsvermittlung, sondern ein haptisches, ästhetisches, intellektuelles Vergnügen. Die Zeitung stellt für ihn ein aufhebenswertes höheres Gut dar – von der Buchlektüre sicher ganz zu schweigen. Vor zwanzig Jahren war das noch Anlass zur Ironisierung, aber kommt es einem heute nicht schon fast so fremd, weit weg und altertümlich vor wie Carl Spitzwegs Bücherwurm?
Dietmar Müller
Ausgabe
12 /
2010