Business mit der Compliance
Herr Dr. Lonsert, könnten Sie etwas zum aktuellen Stand des Joint Venture sagen? Ist es bereits offiziell abgeschlossen und wann können Sie das operative Geschäft in Deutschland aufnehmen?
Die Zustimmung des Kartellamtes liegt vor, das Top-Management ist berufen, das Closing wird zeitnah stattfinden, so dass wir das operative Geschäft zügig und plangemäß aufnehmen können.
MedcoCelesio B.V. will sektorenübergreifende Lösungen für Patienten mit chronischen Erkrankungen anbieten, um die Compliance der Patienten zu erhöhen. Wie könnten solche Lösungen konkret aussehen?
Die Leistungen von MedcoCelesio B.V., die sich primär an Krankenkassen als Kunden richten, beginnen mit der Analyse anonymisierter Patientendaten. In einem ersten Schritt wird festgestellt, wo und in welchem Umfang die ärztlich verordnete Arzneimitteltherapie nicht oder nur teilweise befolgt wird, Stichwort Non-Compliance. Dadurch können die damit verbundenen Qualitätsverbesserungs- und Kosteneinsparpotenziale identifiziert werden. Erst wenn ein Patient der Krankenkasse gegenüber seine Teilnahme erklärt hat, werden die anonymisierten Patientendaten personifiziert und der Patient in einen Aktionsplan („Health Action Plan") einbezogen. Dieser kann sowohl eine Beratung zu einem bestimmten Arzneimittel durch einen Apotheker umfassen als auch zum Beispiel eine persönliche Betreuung des Patienten bei der Verabreichung komplexer Arzneimittel zu Hause („Specialty Solutions"). Ziel ist, durch eine regelmäßige Einnahme bzw. Verabreichung der richtigen Medikamente die Therapiewirkung zu verbessern und dadurch Folgekosten einer Non-Compliance zu vermeiden.
MedcoCelesio B.V. plant, auch mit Apothekern und Ärzten zu kooperieren. Wie könnte der Beitrag der einzelnen Partner aussehen?
Unser Beitrag bestünde vor allem in der Analyse anonymisierter Patientendaten und der Erstellung patientenindividueller Aktionspläne für Patienten, die dies wünschen und dem ausdrücklich zustimmen. Die Rolle der Leistungserbringer wie Ärzte und Apotheker bestünde vor allem in der zielgenauen Beratung des Patienten. Diese Beratungsleistungen werden wir durch Bereitstellung relevanter, den Leistungserbringern normalerweise nicht bekannter Informationen unterstützen.
Welche Schranken setzen Ihnen die gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland für die Verwirklichung Ihrer Ziele hinsichtlich der Compliance-Programme, welche Maßnahmen erlaubt das Gesetz bereits?
Rechtlich sind bereits eine Vielzahl der geplanten Services zulässig. An manchen Stellen mangelt es aber noch an angemessenen Vergütungsstrukturen, die die Umsetzung innovativer Dienstleistungen, wie z.B. qualifizierter Schwesterndienste für Infusionen im häuslichen Umfeld, ermöglichen. Diese qualifizierte Hausversorgung würde dem einzelnen Patienten mehr Komfort bringen und die Versorgungskosten gleichzeitig erheblich reduzieren.
Mit welchen Krankenkassen und in welchem Rahmen wollen Sie in Zukunft kooperieren? In welchem Bereich fehlen noch Rechtsgrundlagen dafür?
Unsere Dienstleistungen richten sich an gesetzliche und private Krankenkassen gleichermaßen. Wir sind überzeugt, für beide ein attraktives Leistungsangebot zu haben. Die Rechtsgrundlagen erlauben bereits heute Services, wie die für die BIG direkt gesund.
Wer soll schließlich die Kosten für die Compliance-Dienstleistungen, die Sie anbieten möchten, tragen?
In erster Linie profitiert der Patient durch eine verbesserte Arzneimittelwirkung und damit eine bessere Lebensqualität. In hohem Maße nutzt eine verbesserte Compliance aber auch den Kostenträgern durch vermiedene Folgeerkrankungen und deren Kosten. Aus diesen Ersparnissen ließe sich die Finanzierung von Services zur Verbesserung der Arzneimittelversorgung und auch der Compliance gut darstellen.
Wie wollen Sie auf lange Sicht die Erfolge in der Compliance der Patienten messen, mit welchen Instrumenten?
Medco arbeitet in den USA bereits heute nach anerkannten wissenschaftlichen Methoden und publiziert Studien u.a. auch zu Einsparungen in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften. Diesen Evidence-Based-Medicines-Ansatz verfolgen wir auch in Europa.
Wie reagieren die (Fach-)Öffentlichkeit, die Politik und die Krankenkassen auf Ihr Vorhaben, Compliance-Dienstleistungen anzubieten?
In fast allen europäischen Gesundheitssystemen wird der Ruf nach höherer Effizienz immer lauter. Das Problem der Non-Compliance bei chronischen Erkrankungen, für deren Behandlung und Versorgung fast 80 Prozent aller Gesundheitsausgaben benötigt werden, wird dabei zunehmend als in höchstem Maße relevant erkannt. Unsere Dienstleistungen stoßen daher bei der Politik und bei den Krankenkassen auf großes Interesse.
Was ist Ihre Zukunftsvision in Bezug auf das deutsche Gesundheitssystem?
Es geht weniger um Visionen als zunächst einmal um die Notwendigkeit der Ermöglichung effizienter Lösungsansätze durch entsprechende Vergütungssysteme. Voraussetzung ist, dass wir die isolierte Betrachtung von Sektoren im Gesundheitswesen verlassen und sektorenübergreifend denken und handeln. Nur so lassen sich Probleme wirklich effizient lösen. Grundsätzlich wäre zudem mehr Eigenverantwortung der Patienten wünschenswert nach dem Motto „No decision about me without me", das der britische Gesundheitsminister formuliert hat. Dazu bedarf es der Kostentransparenz für die Patienten. Weiterhin sollte nicht nur Krankheit bezahlt, sondern viel stärker das schnelle Gesundwerden und Gesundbleiben belohnt werden, und zwar für Patienten wie für Leistungserbringer. Das würde unserem Gesundheitssystem eine neue Ausrichtung geben.
Herr Dr. Lonsert, herzlichen Dank für das Gespräch.
September 2010, Ausgabe Nr. 9




