Pharma-Branche geht in die Offensive
„Noch nie so schlechte Rahmenbedingungen“
Dr. Hans Joachim Hutt, Direktor Öf-fentlichkeitsarbeit und Gesundheitspolitik bei Pharmacia in Erlangen, stellt noch „nie so schlechte Rahmenbedingungen für die Arzneimittelindustrie wie in 2001“ fest. Aussagen von Politikern, wie „Patienten die bestmögliche Versorgung angedeihen zu lassen“, entpuppten sich für ihn als „Lippenbekenntnisse“. Auch der Pharmariese Bayer steht dem Gutachten „deutlich ablehnend“ gegenüber, gibt der Leiter Gesundheitspolitik von Bayer Vital, Rolf Reher, zu Protokoll. „Kritisch“ beurteilt Timm Volmer von Glaxo SmithKline die Situation. Etwas gelassener äußert sich Aventis. Für Dr. Johannes Knollmeier, zuständig bei Aventis für Gesundheitspolitik, ist die Sache „ambivalent“, womit er auf interessante Ansätze der Gutachter in Richtung Deregulierung verweist. Diese Ansätze werden durchaus auch bei den anderen befragten Unternehmen gesehen, doch „das passt alles nicht zusammen“, wie der VFA resümierte.„Die vierte Hürde“
Einhelligkeit herrscht bei den Großen der Branche in der strikten Ablehnung eines weiteren Zulassungsverfahrens für innovative Produkte, als „vierte Hürde“ kurz und bündig bezeichnet. Der deutsche Markt ist, wie Dr. Andrea Laukant von Novartis Pharma in Nürnberg es sieht, „neben den USA einer der wenigen Märkte, wo Patienten Zugang zu allen Arzneimitteln haben“. Dies ist durch die „vierte Hürde“, die ausschließlich unter ökonomischen Kosten-Nutzen-Abwägungen über die Preiswürdigkeit eines neuen Medikamentes entscheiden soll, massiv beeinträchtigt. Schon jetzt dauere die Zulassung in Deutschland deutlich länger als in vergleichbaren Ländern. Sind neue Produkte endlich zugelassen, gelten sie uneingeschränkt als „vertretbar und sicher“, sagt Dr. Erich Schröder von Schwarz Pharma in Monheim. Er sieht „keine rechte Notwendigkeit“ für eine weitere Prüfung. Denn, so Dr. Knollmeier von Aventis, „kein Arzneimittelpreis ist aus der Luft gegriffen“. Entwicklungskosten und Wettbewerb — vor allem zum Zeitpunkt — neuer Schrittinnovationen seien die Determinanten.Lange Zulassungszeiten und weitere Verzögerungen — sollten die Vorschläge der Weisen aufgegriffen werden — führen nach Dr. Laukant genau zu dem, was die Regierung entschieden ablehne, nämlich zu einer Zweiklassenmedizin“. Denn Privatversicherten stünden solche neuen Produkte sofort zur Verfügung, gesetzlich Versicherten aber erst nach Monaten oder gar Jahren. Für Hans Joachim Hutt sind die neuen Unsicherheiten Ergebnis einer einseitig geführten Diskussion „interessierter Kreise aus dem Umfeld der Krankenkassen und theoretischer Zentren“. Er verweist dabei auch auf die unsachliche und falsche Information der Öffentlichkeit über die angebliche Nutzlosigkeit von Schritt-Innovationen bzw. Metoo-Präparaten.
Konzernspitze wägt ab
Die deutschen Töchter international tätiger Pharma-Unternehmen befürchten, dass die Vorstände der Global Player bei Entscheidungen über die Verteilung von Forschungsmitteln die deutschen Forschungsstandorte zunehmend benachteiligen. Die ausländischen Partner haben kein Verständnis für die deutsche Situation, hört man oft bei deutschen Töchtern. Dr. Knollmeier von Aventis: „International tätige Unternehmen beobachten die Märkte aus höherer Warte. Da sind entsprechende Signale ein wesentlicher Faktor“. Dr. Laukant umschreibt das so: „Deutschen Politikern ist nicht genug bewusst, welche Konsequenzen ihre Politik für weltweit tätige Konzerne hat“. Die Unternehmenssprecher wissen, dass das ein heikles Themas ist Das gilt erst recht dann, wenn gesagt wird, dass international tätige Unternehmen sich fragen, ob die deutsche Zulassung eines im Ausland erfolgreich am Markt platzierten Medikamentes auch in Deutschland noch beantragt werden soll. Probleme vor allem für kleinere Pharma-Unternehmen sieht Dr. Erich Schröder von Schwarz Pharma. Er will nicht ausschließen, dass „deutsche Forschungsinitiativen versiegen“.„Probleme thematisieren“
Die Pharma-Industrie will dieser negativen Entwicklung aber nicht tatenlos zusehen. Alle befragten Unternehmen werden die „Standortfrage Deutschland“ stärker als bisher thematisieren. Pharmacia sagt ein „fettes Ja“ zu einer intensiveren Unternehmenskommunikation. „Wir bemühen uns um vertrauensbildende Maßnahmen, wollen mehr Transparenz“, sagt Hans Joachim Hutt. Schließlich verfüge die Branche über hochwertige Forscher und Mediziner, „um in den Dialog zu treten“. Novartis, so Andreas Laukant, will im „gesellschaftlichen Umfeld intensiv diskutieren“, mit Ärzten, Krankenkassen und Politikern. Ähnlich auch Schwarz Pharma: „Im Rahmen unserer Möglichkeiten nutzen wir alle Veranstaltungen z.B. mit Ärzten, um über die Probleme aufzuklären.“ Dabei verweist Dr. Erich Schröder von Schwarz Pharma aber auch auf die eindeutige Interessenlage der Industrie, „weswegen wir schnell und leicht in eine bestimmte Ecke gestellt werden“. Dr. Hans Ulrich Julito von Hoffman La Roche sieht das aus ähnlichen Gesichtspunkten sehr pragmatisch: „Wir sind als Unternehmen in gewissen Punkten zu unprofessionell“. Dieses Manko, so es denn eines ist, soll durch die Verbände wettgemacht werden. „Unglücklicherweise repräsentieren vier Verbände unsere Branche. Da ist es nicht immer leicht, mit einer Stimme zu sprechen“, kritisiert Dr. Julito. Wohl wahr. Nicht zuletzt deswegen „können wir auf eigene Anstrengungen nicht verzichten“, so Timm Volmer von Glaxo SmithKline.
Februar 2002, Nr. 2




