MdB Eike Hovermann (SPD): "Internet-Apotheke - Jetzt auch bei uns?"
Ist die Internet-Apotheke in Deutschland auf Dauer noch zu verhindern?
Die Alltagswirklichkeit wird - insbesondere bei den Jüngeren - auch die Distributionsformen im Arzneimittelhandel beeinflussen und verändern. Der Versandhandel per Internet und damit die Nutzung der Neuen Medien wird in Zukunft unabweisbar ein Zusatzangebot werden. Das gilt vor allem dann, wenn wichtige Kriterien wie Sicherstellung von Beratung, Sicherheit beim Versand und Qualität des Pharmaproduktes gewährleistet sind. Andere europäische Länder und die USA sind hier schon weiter. Motor ist auch die Tendenz auf EU-Ebene zu mehr und offenerem Wettbewerb. Hier hat der EuGH verschiedene Wege geöffnet.
Ist via Internet tatsächlich die notwendige Beratungsfunktion des Apothekers zu leisten oder kann gerade wegen des Internets auf die persönliche Beratungsfunktion ggf. verzichtet werden?
Ohne Frage ersteres. Voraussetzung ist allerdings, dass die Beratung sich nachprüfbar als seriös legitimieren kann. Zu denken wäre an eine staatliche Zertifizierung mit festgelegten Kriterien. Versandhandel und demnächst Internethandel wird - auch gemäß der Erfahrungen aus anderen Ländern - nur ein Additum im Handel sein. Er wird nicht die herkömmliche Einzelapotheke vollständig ersetzen. Hier kann sich der Apotheker am Ort dann im Wettbewerb als guter Berater weiterhin beweisen und dabei auch seine in langen Studienjahren erworbenen Kenntnisse nutzen.
Droht durch die Internet-Apotheke die Gefahr der Rosinenpickerei, also Spezialisierung auf wenige lukrative Präparate und die „Apotheke vor Ort“ muss dafür sorgen, alle nachgefragten Präparate zu liefern?
Die Politik sollte - zumindest EU-weit - dafür sorgen, dass der Versand- und Internethandel auch Vollsortimenter ist und nicht nur „Rosinen pickt“ und damit das Prinzip der gleichlangen Spieße im Wettbewerb unterläuft. Im übrigen: Auch der lokale Apotheker hat längst nicht immer alle Präparate vorrätig. Er bedient sich dann seines Grossisten, der ihm das nachgefragte Medikament „mit reitendem Boten“ am selbigen Tag oder auch einen Tag später liefert. Letzteres übrigens ein interessanter Aspekt zum Thema „Sicherheit der Zustellung“.
Ist DocMorris nur ein Vorläuferbeispiel für die langsame, aber unaufhaltsame Durchdringung der Gesundheitsversorgung mit elektronischer Vernetzung? Kommt die Telemedizin auch zu Großmutter nach Hause, die sich nur noch schwer selbst versorgen kann?
Ja. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch die Senioren sich über PIZ, Patienteninformationszentren, immer mehr für das Internet und seine Angebote interessieren, wenn ihnen geschulte Kräfte helfen. Oft wird das Internet aber auch zu Hause schon mit Hilfe der Enkel genutzt. Insgesamt positiv wird dieser Trend aber erst dann, wenn die Vernetzung nicht nur in Richtung Apotheken und Arzneimittel funktioniert, sondern auch in Richtung Ärzte und Kliniken.
Müssen dann nicht etliche gesetzliche Barrieren fallen, so beispielsweise die starren Regelungen und Restriktionen im Heilmittelwerbegesetz in Bezug auf umfassende — natürlich seriöse — Information des „mündigen Bürgers“, Verbrauchers und Patienten?
Sie werden sicherlich fallen, auch nach dem bekannten Prinzip der „normativen Kraft des Faktischen“. Denn über das Internet werden immer mehr Informationen und Werbeangebote aus dem Ausland einsehbar sein. Wichtig wird sein, dass hier die Politik dem Bürger per Zertifizierungen Hilfen an die Hand gibt, mit denen die Seriosität der Anbieter erkannt werden kann.
Derzeit gehört Deutschland eher zu den Bremsernationen auf diesem Gebiet. Wäre auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle Deutschlands nicht ein wichtiges politisches Faustpfand, um die europäische Entwicklung (nach deutscher Vorstellung) voranzutreiben?
Das wäre eine sehr wichtige Rolle zum Nutzen für die Patienten, Leistungserbringer und Kassen auf der EU-Ebene. Sie ist derzeit aber ausgesprochen schwierig zu spielen, weil für alle wesentlichen Änderungen im deutschen Gesundheitswesen die Länder im Bundesrat ihre Hand mehrheitlich heben müssen.
Das Gespräch führte Christof Schumacher
Oktober 2001, Nr. 1




