Heißes Eisen Pharma-Import
Gesetzliches Paradoxon
Dahinter verbirgt sich ein systemimmanentes Paradoxon par excellence. Der Gesetzgeber will den Teufel steigender Arzneimittelausgaben unter anderem mit dem Beelzebub billiger Import-Arzneien austreiben: Auf der einen Seite führen Steuer-, Arbeitsmarkt- und Gesundheitspolitik zu einer Verteuerung deutscher Produkte auf dem Binnenmarkt, auf der anderen Seite sanktioniert der Gesetzgeber Maßnahmen zur Einfuhr deutscher Medikamente aus dem Ausland die in preislicher Konkurrenz zum gleichnamigen Produkt in der Apotheke treten. Selbst der Marktführer unter den deutschen Importeuren, die saarländische Kohlpharma GmbH, sieht diesen Widerspruch: „Das ist so. Der Gesetzgeber ist in einem Interessenkonflikt“, sagt Frieder Träger. “Wo gibt es das,“ mokiert sich hingegen Johannes Kandlbinder vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) in Berlin, „dass der Gesetzgeber Importeuren einen stattlichen Umsatzzuwachs garantiert, von dem viele andere Wirtschaftsunternehmen nur träumen können“. „Es droht, dass Arzneimittelimporteure, die weder forschen noch produzieren, zum wichtigsten Pharmaunternehmen in Deutschland aufrücken“, setzt Kerstin von Aretin, Leiterin Kommunikation Deutschland von Aventis Pharma, noch eins oben drauf. Und Marc Rath vom VFA: „Wenn deutschen Innovationen derartige Restriktionen auferlegt werden, wird Deutschland zu einem Standort für Umpacker. Die Forscher werden dann einpacken.“ Das Paradoxon wird noch augenfälliger. Experten bestätigen einhellig, dass Vertreter des Wirtschafts- und Finanzministeriums genau diese Diskrepanz sehen. Allgemeiner Tenor ist aber: Zuständig ist da das Gesundheitsministerium. „Das schaut weder nach rechts noch nach links, sondern nur auf die Kassen der Gesetzlichen Krankenversicherung“, bringt Dr. Hermann Kortland vom Bundesverband der Arzneimittelhersteller (BAH) in Bonn die Sache auf den Punkt. Dabei sind die „Einsparungen“ nach Angaben der Industrie viel geringer als offiziell gehandelt wird: Krankenkassen und ABDA gehen von durchschnittlich 10 Prozent Preisdifferenz aus. Aventis benennt eine Differenz vom ca. 2,5 Prozent. Dr. Niklaus Schulz-Solce von der Lilly Pharma Holding GmbH berichtet, dass beim Spitzenprodukt Zyprexa eine Preisdifferenz von nur 3 Prozent existiere. Das wird von den Importeuren heftig in Abrede gestellt. Für Andreas Mohringer, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Arzneimittelimporteure e.V., selbst Apotheker und Inhaber der Eurim-Pharm in Piding/ Bayern, ist dies Ausdruck eines „Neidargumentes der Industrie mit Zielrichtung Apothekerschaft, unzutreffend zumal.“ Er hält den Preisangaben von Lilly die offizielle Lauer-Taxe vom 11. Februar 2002 entgegen: Zyprexa, 7,5 mg Filmtablette, 56 St., Lilly-Apothekerabgabepreis: 220,27 EUR, Eurim-Pharm-Importpreis: 198,24. Er ärgert sich über eine „populistische und diskriminierende Diskussion“ seitens der Industrie. Sachlichkeit wäre angesagt. Denn die Gewinnspannen lägen beträchtlich unter dem 10-prozentigen Preisabschlag. „Wer im Glashaus sitzt und nach Abzug sämtlicher Kosten 30 Prozent Gewinn ausweist, sollte nicht mit Steinen auf andere werfen. Die Ersparnis steht nicht dem Importeur zur Verfügung.“ Laut Handelsblatt geht diese mit rund 250 Millionen EUR allein im letzten Jahr an die Krankenkassen.
Wandert die Forschung ab?
Deutsche Hersteller innovativer Produkte büßen demgegenüber einen dreistelligen Millionen-EUR-Betrag durch nichtgetätigte Abverkäufe in Deutschland ein, heißt es aus Industriekreisen. „Volkswirtschaftlich betrachtet sind die Steuereinbußen des Staates durch den Import weit höher als die Ersparnis der Gesetzlichen Krankenversicherung“, schätzt Kerstin von Aretin. „Die Kassen und das Ministerium interessieren nur die Endpreise und die Hoffnung auf Einsparung“, verdeutlicht Udo Bolte von der Grünentahl GmbH in Stolberg/ Aachen. Auch diese Aussage ist nach Ansicht von Mohringer zweifelhaft: „Ein Importeur kauft im Ausland zu ex-factory-Preisen“ ein. Die bestimmt der Hersteller.“ Im übrigen, so der Vorsitzende der Importeure, „sieht die Konzernrechnung bei weitem nicht so dramatisch aus. Was in einem Land nicht verkauft wird, kommt der Konzerntochter im anderen Land zu gute.“ Das wiederum, so Udo Bolte von Grünenthal, „stimmt nur zum Teil. Wenn immer nur auf Basis des kleinsten Preises eingekauft und importiert wird, kippt die Mischkalkulation in der Konzernrechnung.“ Nicht von der Hand zu weisen ist allerdings die Befürchtung der Industrie, durch weitere Zunahme der Importe den Forschungsstandort Deutschland zu gefährden: „Die Entscheidung in der Konzernspitze ist dann klar. Dann forschen wir eben woanders“, sagt Kerstin von Aretin. Einig sind sich alle über die Gründe, die dieses Arbitragegeschäft ermöglichen: Die von Land zu Land völlig unterschiedlichen Sozialsysteme, die unterschiedliche Kaufkraft, die unterschiedliche Besteuerung und auch die unterschiedliche Bereitschaft der jeweiligen Bevölkerung, viel oder wenig für bestimmte Arzneimittel auszugeben. Laut Mohringer gäbe es eine Möglichkeit, wie die Industrie das Problem rein theoretisch aus der Welt schaffen könnte: „Die Industrie setzt einen für ganz Europa gültigen einheitlichen Preis fest, allerdings auf weit niedrigerem Niveau als heute“. Importe würden sich nicht lohnen, aber ein solcher „Einheitspreis“ wäre für die Industrie, so Mohringer, wirtschaftlich weit gravierender als die Verluste durch Importmargen. Das geht wohl genauso wenig wie aktuelle Bestrebungen der Industrie, durch Anpassung von Ausfuhrkontingenten (Channel Marketing) die Exportware zu reduzieren. Versuche, durch unterschiedliche Preisfestsetzungen für Inlands- und Exportware das Importgeschäft zu vermiesen, hat der EuGH schon abgeschmettert. Gegen ein Channel Marketing oder eine auf den jeweiligen Bedarf in einem Markt abgestimmte Belieferung (Supply Chain Management) laufen in Brüssel Untersuchungen.
Wird der Spieß umgedreht?
Nicht zuletzt durch die Arzneimittelgesetz- und Verordnungsgebung scheint sich der Spieß aber umzudrehen. Deutschland, das schon länger nach Expertenmeinung kein Referenzland für die Preisfindung ist, biete selbst patentgeschützte Medikamente zu günstigeren Preisen als in manch anderen Ländern an. So wurde nach Angaben von Peter Marx, Leiter des Healthcare Management bei Pfizer, das Präparat Norvosc um 28 Prozent durch die neue Festbetragsregelung abgesenkt. Das sei kein Einzelfall, heißt es.
März 2002, Nr. 3




