Noch mehr Lehrgeld zahlen?
Was muss noch alles passieren, dass Marketing-Chefs und ihre beratenden Agenturen endlich aufwachen? Hat die Branche nicht schon genug Lehrgeld bezahlt? Die Gesetzesgrundlagen sind eindeutig und umfassend. Jeder, der etwas „Gutes“ tun will, kann sich informieren. Niemand kann sich heraus reden, das „so nicht gemeint“ zu haben. Den Schwarzen Peter haben weniger die betroffenen Ärzte. Es ist zwar nicht zu rechtfertigen, aber durchaus menschlich, wenn Ärzte in Kliniken, vorwiegend in öffentlicher Trägerschaft, auf solche Angebote reagieren. Die Verlockung für einen normalen Krankenhausarzt ist nachvollziehbar. Die Verantwortung tragen diejenigen, die auf Unternehmensseite wider besseren Wissens mit beruhigenden Versprechungen agieren: „Das ist alles abgeklärt“, „Das wird überall so gemacht“ — und wie die Versicherungen auch lauten mögen. Angesichts der verschärften Rechtsgrundlage (1997 durch das Gesetz zur Bekämpfung der Korruption) sollte die Pharma-Branche ihre Marketing-Praxis grundlegend überdenken. Es ist niemandem geholfen, wenn durch krumme Touren die gesamte Branche ins Zwielicht gerückt wird. Im übrigen wäre es angebracht, auch in Richtung Gesetzgeber auf Bundes- und Landesebene zu intervenieren. Notwendig wären zum Beispiel Ausführungsbestimmungen, um für mehr Rechtssicherheit zu sorgen (Siehe auch „Einbecker Empfehlung“ der Dt. Gesell. für Medizinrecht vom vergangenen Jahr). Jeder Klinikchef, der zudem gehalten ist, den Topf der Dritt-Mittel-Förderung zu vermehren, bewegt sich ständig am Rande eines Gesetzesverstoßes. Es wird spannend sein abzuwarten, was bei den Ermittlungen der Münchener Staatsanwaltschaft herauskommt. Der Verlauf des berüchtigten Herzklappenskandals ist noch gut in Erinnerung. Von den weit über tausend Ermittlungen wurden 30 bis 40 Verfahren eröffnet, die wenigsten endeten mit einer Verurteilung. Ob das auch im GlaxoSmithkline-Skandal zu laufen wird? Immerhin von den ursprünglich rund 3.500 Ermittlungen wurden laut Süddeutsche inzwischen wieder rund 2.200 Verfahren wegen Nichtigkeit eingestellt. Das soll keine Beruhigungspille sein. Es bleibt das Odium der Viel-Trixerei, gerade in einer Branche, die in der Öffentlichkeit hart um ihr Image ringen muss. Jeder Vorgang der Münchener Art ist ein Bärendienst für das Unternehmen selbst und für die Branche im Ganzen. Das Misstrauen wächst. Da nützt es wenig, wenn vollmundig geschrieben wird — so Glaxo-Smithkline im Abspann seiner aktuellen Stellungnahme, als Healthcare-Unternehmen engagiere man sich „für die Verbesserung der Lebensqualität, um Menschen ein aktiveres, längeres und gesünderes Leben zu ermöglichen“.
April 2002, Nr. 4




