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Beratung und grüne Rezepte

Auf dem Apothekertag 2003 wurden sie angekündigt: "Grüne Rezepte" als Reaktion auf die OTC-Gesetzgebung. Der Apothekerverband Nordrhein machte den Anfang und stattete Anfang des Jahres die nordrheinischen Hausärzte mit einem Set von jeweils 300 Rezepten aus. Gleichzeitig bestätigt sich in ersten Erfahrungsberichten, dass das Beratungsgespräch in der Apotheke eine neue qualitative Dimension erreicht hat. Von Christof Schumacher

Seit Anfang des Jahres bekommen Arzt-Patienten gelegentlich Grüne Rezepte als Empfehlung für ein bestimmtes OTC-Präparat. Dr. Klaus G. Brauer, Apotheker aus Essen und Geschäftsführer u.a. der „Deutschen Apotheker Zeitung", berichtet von einer guten Resonanz bei den niedergelassenen Ärzten. Das bestätigt auch Christian Traupe, Sprecher des nordrheinischen Apothekerverbandes. Die Ärzte orderten schon nach kurzer Zeit neue Rezepte nach. Offensichtlich mache sich da „ein psychologischer Effekt bemerkbar. Etwas Schriftliches in der Hand ist für den Patienten die beste Empfehlung" und steigere die Akzeptanz, jetzt das Medikament selbst zahlen zu müssen. Bei der ABDA werden Ende Januar die Gespräche mit Ärzten und Industrie über eine rasche bundesweite Einführung abgeschlossen, sagte Dr. Frank Diener, Geschäftsführer Wirtschaft und Soziales auf Anfrage.

Noch wichtiger für die OTC-Industrie dürfte aber die neue Qualität der Beratungsgespräche am Apotheken-POS sein. Wilhelm Gössling, Apotheker aus Duisburg und Chefredakteur des „Apotheken Magazins", berichtete von einer erheblichen Zunahme der Zahl und der Dauer solcher Gespräche. Der Schwerpunkt solcher Gespräch drehe sich um medizinisch-relevante All-gemeinbeschwerden. „Das sind durchaus Fragen mit ernsthaften Erkrankungen im Hintergrund. Pati­enten sprechen von unklaren Ober­bauchbeschwerden, von brutalem Harn­verhalt oder von Prostataleiden, Dinge, die sie vorher dem Arzt anvertraut haben." Seine Vermutung: „Die Patienten wollen die zehn Euro sparen, und wissen, dass sie in der Apotheke nicht lange warten müssen." Dr. Klaus Brauer hat andere Erfahrungen gemacht: „Seit November dreht sich alles um Zuzahlung. Wir haben sehr viel mehr Zeit für das Patientengespräch aufgewendet." Von ähnlichen Erfahrungen berichtet die Vizepräsidentin der Apothekerkammer Nordrhein, Elisabeth Thesing-Bleck. In ihrer Landapotheke in Langerwehr bei Aachen wollen die Kunden und Patienten vor allem die ganz persönlichen Auswirkungen der Gesundheitsreform erfahren; Politik interessiere nicht. Am Beispiel der Anti-Baby-Pille berichtet sie von großer Verunsicherung bei Frauen und behutsamer Aufklärung, um den Kundinnen klar zu machen, dass beim Kauf einer Drei- oder Sechsmonatspackung statt einer Ein-monatspackung Geld sparen könnten.

Auch sie hat die Erfahrung gemacht, dass Kunden verstärkt über Hilfe bei unklaren Beschwerden nachfragen, betont aber, dass sei in einer Landapotheke so ungewöhnlich nicht, wo „der Apotheker, der Arzt, der Pfarrer und der Bürgermeister immer noch eine gewichtige Rolle spielen". Auch wenn die Zeit für eine abschließende Beurteilung dieser Entwicklung noch zu kurz sei, ist sie dennoch davon überzeugt, dass die Rolle des Apothekers als Heilberufler stärker gefordert sein wird:„Der Apotheker wird zunehmend zu einer Schnittstelle, erhält eine Leitungs- oder Routing-Funktion." Das Phänomen ist ihrer Meinung nach aber von Apotheke zu Apotheke unterschiedlich. Es komme ganz auf das soziale Umfeld an, in dem eine Apotheke angesiedelt sei, was auch Dr. Brauer bestätigt.

Gössling wie Frau Thesing-Bleck sind überzeugt, dass die Industrie gut beraten wäre, in diesem Punkt das Apotheken-Team zu unterstützen. „Die Industrie sollte anhand von klinischen Bildern, die sie reichlich in ihrem Fundus haben, die Wirkweise der Präparate erläutern", sagt Gössling. Die nordrheinische Vizepräsidentin erinnert aber daran, dass es eine klare Trennung zwischen Diagnose und Therapie geben müsse. Sie könne sich gut vorstellen, dass die Situation künftig für den Apotheker häufig eine Gratwanderung werde. Was aber hilfreich sei, so Thesing-Bleck, wären Zusammenstellungen von Kriterien, die dem Apotheken-Team leichter erkennen ließen, wann die Apotheke helfen könne und wann der Arzt zu konsultieren sei. Am Beispiel Hämorrhoiden verdeutlicht sie ihre Vorstellung: Immer dann wenn Blut in Erscheinung tritt, müsse der Arzt befragt werden. Weitere Kriterien seien die Dauer von Beschwerden, die Zeitdauer bis Besserung eintrete oder z.B. bei Erkältungskrankheiten das Auftreten von eitrigem Auswurf. „Solche Kriterien gibt es in vielen Bereichen. Es wäre nicht schlecht, wenn man sie systematisch aufarbeiten würde" und sie in das Qualitätsmanagement-Konzept einer Apotheke einbezöge, empfiehlt die Apothekerin aus Langerwehr.

Februar 2004, Ausgabe Nr. 2

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