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„Eine neue Ära der Therapie“

05.03.2019 10:06
„Pooptech“ ist das Kerngeschäft des Berliner Startups HiDoc Technologies. Vornehm könnte man den Begriff als „Ausscheidungstechnologie“ übersetzen. Wer jetzt denkt, „sowas“ braucht die Welt doch nicht, der täuscht sich. Denn die von HiDoc betriebene Plattform Cara Care trifft laut dem Unternehmen auf einen großen Bedarf, indem sie die Tabuthemen Verdauung, Stuhlgang und Reizdarm angeht. Über 4,5 Millionen Webseiten-Besucher und App-Nutzer sollen online das suchen, was sie beim Arzt offenbar nicht bekommen: ausführliche Beratung und Therapien, die helfen.

>> Das Erfolgsrezept für ein Vorreiterprojekt in der digitalen Medizin sieht bei HiDoc Technologies so aus: Zwei Mediziner plus zwei Programmierer plus Versorgungslücke, gehüllt in eine Wolke aus Halbwissen und Tabus. Es geht um Patienten mit der Diagnose „Reizdarmsyndrom“. Die dazugehörige Symptompalette ist breit und diffus: Durchfall oder Verstopfung, Bauchschmerzen oder Blähungen. Die Erkrankungen des Darms sind komplex und lassen sich oft nicht auf eine organische Ursache zurückführen. Ernährung, Darmflora, Psyche, Infektionen und genetische Dispositionen spielen dabei eine Rolle.

Laut HiDoc Technologies leidet insgesamt ein Viertel der deutschen Bevölkerung an Verdauungsbeschwerden: neun Millionen davon unter der Reflux-Krankheit (Saures Aufstoßen) und 12 Millionen unter dem Reizdarmsyndrom. Eine adäquate Therapie erhalten die Betroffenen aber nicht, so die Erfahrung eines der zwei Geschäftsführer Jesaja Brinkmann. Neben ihm gehören Orest Tarasiuk (Daten-Wissenschaftler), André Sommer (Arzt) sowie Dr. Dankrad Feist (Programmierer) zum Gründungsteam des Unternehmens.

„Die Schulmedizin lässt Patienten ratlos und hilflos zurück. Dadurch gelangen Betroffene häufig in die Fänge unseriöser Alternativmediziner“, bemängelt Brinkmann, der im Frühjahr 2015 während seines Forschungsaufenthalts in Boston den Co-Founder André Sommer kennenlernte. Beide teilten den Frust über den Status quo und wollten „eine neue Ära der Therapie“ einleiten. „Wir sahen eine Chance, mit Hilfe der Digitalisierung neue Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln“, erzählt Sommer. Die ineffiziente Diagnostik, das Arzt-Hopping der Betroffenen und die Verschreibung unwirksamer Medikamente seien kostspielig und ließen zahlreiche Betroffene unnötig leiden.

Die beiden Darmspezialisten Brinkmann und Sommer starteten daraufhin den Blog Reizdarm.one. Dort wollten sie aufklären, Mythen durch wissenschaftliche Fakten ersetzen und Betroffene zu mündigen Patienten machen. „Wir waren erschrocken von den schlechten Informationen über Ernährung, Intoleranzen und Verdauung im Netz und haben gesehen, wie wenig professionelle Hilfe Erkrankte erwarten dürfen“, erinnert sich Brinkmann.

Am Anfang war der Blog

Das Wissensportal mit Selbsthilfe-Elementen kam gut an. „Nach wenigen Wochen haben Tausende kommentiert, Hilferufe hinterlassen und von ihrer Verzweiflung über den Teufelskreis aus Schmerzen, Scham, Isolation und Hoffnungslosigkeit berichtet“, so Brinkmann. Der Blog habe gezeigt, ergänzt Sommer, wie groß der Bedarf eigentlich ist. Selbst er als Mediziner sei von den Ausmaßen und dem Leidensdruck überrascht gewesen.

Gemeinsam gründeten die beiden dann HiDoc Technologies, deren digitale Beratungsplattform inklusive App sie Cara taufen. Viel Rückenwind erhielten sie durch einen der begehrten Plätze im Microsoft Accelerator und das erste Exist-Stipendium des Universitätsklinikums Eppendorf. Doch da fehlte noch etwas, oder besser gesagt, jemand mit Tech-Know-how. Also kamen Orest Tarasiuk und Dr. Dankrad Feist hinzu, um den ersten Prototypen von Cara zu entwickeln. Dieser startete im Frühsommer 2016. Das wiederum lockte mehrere Investoren an, von denen das Unternehmen 2017 insgesamt zwei Millionen US-Dollar erhielt. Im gleichen Jahr gewann Cara Care außerdem den Hamburg Innovation Award und den Brandenburger Innovationspreis. Prominente PR-Unterstützung erhält Cara Care mittlerweile vom TV- und YouTube-Arzt Dr. Johannes Wimmer sowie von der Buchautorin Giulia Enders („Darm mit Charme“), die sich positiv über das Programm äußern. Wimmer berät HiDoc auch zu Fragen der Versorgungsforschung, Kommunikation und Social Media.

Das Programm Cara Care besteht aus digitalen Anwendungen – Online-Portal, mobiles Tagebuch und App – und telemedizinischer Beratung (s. Kasten rechts). Dabei hat jeder Betroffene einen persönlichen Ernährungsexperten an seiner Seite, der per Video-Chat für durchschnittlich sieben Sitzungen zur Verfügung steht. Für Selbstzahler kosten 5 Sitzungen 246 Euro, erläutert Sommer. Bei Kassenübernahme betrage der Eigenanteil höchstes 82 Euro, manche Kassen wie etwa die BKK Mobile Oil würden sogar den vollen Betrag erstatten. Weitere Sitzungen können einzeln dazugebucht werden, so der Gründer.

Drei Jahre nach Unternehmensgründung nutzen laut Sommer „Millionen von Patienten im einstelligen Bereich“ (in Australien, USA, Kanada, UK und Deutschland) das digitale Angebot. Cara Care kommt mit der Durchschnittsnote 4,8 (von 5 Sternen) gut an, im App-Store ist sie die am besten bewertete Anwendung für Verdauungsgesundheit. „In den USA werden wir sehr oft von Medizinern empfohlen“, sagt Sommer. Er freut sich, dass auch in Deutschland immer mehr Gastroenterologen und Hausärzte Cara Care verschreiben – etwa 15 Prozent der Nutzer kommen mittlerweile über niedergelassene Ärzte und Kliniken.

Wissenschaftliche Begleitung

Professor Dr. Stefan Lüth, Chefarzt und ärztlicher Leiter der Klinik für Gastroenterologie und Diabetologie am Städtischen Klinikum Brandenburg, unterstützt die digitale Pionierarbeit seines Mentees Brinkmann von Anfang an. „Gastroenterologische Erkrankungen können äußerst komplex sein. Cara Care könnte eine wichtige Versorgungslücke in gastroenterologisch unterversorgten Regionen schließen und gleichzeitig wichtige Daten für uns Wissenschaftler liefern”, so Lüth, der auch als wissenschaftlicher Beirat die Inhalte von Cara Care prüft.

Das gastroenterologische Programm hat als sogenannte ärztlich delegierte Leistung den Anspruch, evidenzbasiert, anonym und unabhängig zu sein. 80 Prozent der Kunden sind Frauen, sie machen rund zwei Drittel der vom Reizdarmsyndrom Betroffenen aus. Die Altersspanne reicht von Teenagern bis zu Senioren.

Vor allem die telemedizinische Therapie hat nach Angaben von HiDoc Technologies eine hohe Erfolgsquote. 86,8 Prozent der Nutzer können von der Therapie profitieren und ihre Symptome im Durchschnitt um 39,7 Prozent reduzieren. Das bedeutet: weniger Schmerzen und Medikamente, geringere Ausfallzeiten sowie eine Verbesserung der Lebensqualität und des Gesundheitszustands.

Als nächstes möchte HiDoc Technologies Cara Care in den USA weiter ausbauen. Mittlerweile führen dort 20 Mitarbeiter fort, was der Blog Reizdarm.one begonnen hat. In Deutschland ist das Team ebenfalls gewachsen: Aktuell sind es 32 Mitarbeiter, darunter 5 Software-Entwickler. Für die Pharmaindustrie könnte Cara Care in vielerlei Hinsicht interessant sein: „Um langfristig die Therapie Betroffener mit Reizdarmsyndrom und chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zu verbessern, sind beispielsweise gemeinsame Studien interessant“, erklärt Sommer. „Unsere Daten haben enormes Potenzial, die Erforschung von Verdauungserkrankungen voranzubringen und die Therapie fundamental zu verbessern. Kooperationen kann man im Einzelfall evaluieren.“ Interessant seien in diesem Zusammenhang etwa Fragen wie: Wie wirkst sich die digitale Therapie auf die pharmakologische Adhärenz aus? Oder: In welchen Bereichen kann die digitale Therapie etablierte Medikamente ersetzen? <<


Cara Care im Überblick

  • Cara Care ist eine auf gastroenterologische Erkrankungen, Allergien und Unverträglichkeiten spezialisierte – ausschließlich digitale – Praxis für Ernährungsberatung. Die Niederlassung befindet sich in Berlin und berät Patienten deutschlandweit.
  • Das erste Beratungsgespräch ist kostenlos: Per Video-Chat mit einem Ernährungsberater wird geklärt, welche Schritte, Arztbesuche etc. vor dem Einsatz von Cara Care erfolgen müssen.
  • Die Therapie erfolgt nach § 43 SGB V auf ärztliche Empfehlung und Feststellunge einer Notwendigkeit und richtet sich an chronisch Erkrankte. Cara Care handelt dabei im Einklang mit den Empfehlungen der Ersatzkassen zu den sogenannten “sonstigen ergänzenden Leistungen zur Rehabilitation”.
  • Alle Ernährungsberater verfügen über gültige Fortbildungszertifikate im Sinne der vom GKV-Spitzenverband im Leitfaden Prävention definierten Anbieterqualifikation. Fachliche Grundlage für die Cara-Care-Therapie sind die jeweils aktuellen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

 

Aufbau der Therapie:

  • Das Programm umfasst fünf Sitzungen, die von einem zertifizierten Ernährungsberater/In durchgeführt werden. Die von Cara Care akzeptierten Zertifizierungen umfassen: DGE, VDOE, VFED, VDD.
  • Erstgespräch: Anamnese und Beurteilung der Ernährungssituation
  • Ernährungsdiagnose: Zielsetzung/Planung der Ernährungsintervention, krankheitsspezifische Psychoedukation (Ätiologie und ernährungsbedingte Einflussfaktoren), Einführung in Protokollführung, Motivation zu einem gesunden Essverhalten
  • Zwischengespräche: Durchführung der Ernährungsintervention, Re-Assessment, Besprechung der Protokolle, krankheitsspezifische Psychoedukation, Vermittlung von Handlungskompetenz und Selbstwirksamkeit, Linderung der Symptome und Steigerung der Lebensqualität
  • Erfolgskontrolle/Abschlussgespräch: Monitoring und Evaluation, Besprechung der Protokolle; Rückfallprophylaxe: konstruktiver Umgang mit Wiederauftreten von Symptomen und Nachhaltigkeit der Verhaltensänderung, Evaluation von Zielerreichung, Therapieerfolg und Zufriedenheit

Ausgabe 03 / 2019

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