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„Wir müssen eine Vertrauensbasis schaffen“

05.11.2018 17:45
Seit 1980 im Gesundheitswesen tätig, hat Frank Neumann schon einige Minister kommen und gehen sehen und viele Veränderungen, wie etwa den Gesundheitsfonds, hautnah miterlebt. Auf der Kassenseite hat er „das erste digitale Risikostratifizierungsprojekt mit der Pharmaindustrie“ durchgeführt. Big Data in der Healthcare-Industrie war ebenfalls Teil des Projekts. Nun beschäftigt er sich mit diesem Thema bei der Datatree AG, von der das ABIDA-Gutachten zum Umgang mit Big Data stammt. Für Neumann stellt sich in diesem Zusammenhang vor allem eine Frage: „Kriegen wir einen gesellschaftlichen Konsens hin, der sich auf die gesamte Digitalisierung des Gesundheitswesens bezieht?“

>> Herr Neumann, wenn wir versuchen, Big Data im Gesundheitswesen zu strukturieren – um welche Gebiete geht es?
Z
um einen geht es dabei um die Arzneiverordnungsdaten. Das ist einer der ganz wenigen Bereiche, wo sowohl die Gesetzliche als auch die Private Krankenversicherung in den Analysen schon sehr weit sind. Eine Pharmazentralnummer (PZN) ist heute im Rahmen des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs die Grundlage für einen Finanzausgleich zwischen den gesetzlichen Kassen geworden. Die PZN ist ein Parameter für das Messen der Morbidität. Und ich kann heute schon auf der Kassenseite eine gute „Gaps in Care“-Analyse durchführen, indem ich beispielsweise die Compliance bei der Einnahme von Medikamenten datentechnisch auswerte. In diesem Zusammenhang ist die Pharmaindustrie ein ganz wichtiger Player im Hinblick auf die Datenanalyse.
Hinzu kommen die Regelleistungsdaten aus der ärztlichen Tätigkeit, die ein anders aggregiertes, ein abstrakteres Datenlevel darstellen. Zu erwähnen sind noch die Krankenhausverordnungen, Hilfsmittelverordnungen, die in Klarschrift die Datenlage darstellen.

Was ist mit den Daten aus Health-Apps und Fitness-Trackern?
Bei diesen so genannten Verhaltensdaten deutet sich eine neue interessante Entwicklung an, die wir beobachten müssen. Die Frage wird sein, ob die über Smartphones oder Health-Tracker gesammelten Daten auch in die bestehenden Analysen der Krankenkassen einfließen. Heute ist es wegen des Datenschutzes bei den Kassen noch nicht möglich, diese personenbezogenen Daten allgemein zu speichern.
Es gibt allerdings bereits Disease-Management-Programme (DMP) für chronisch Kranke. In diesem Rahmen ist es durchaus möglich, personenbezogene Daten wie Größe oder Gewicht zu speichern. Damit sind wir wieder bei der Pharmaindustrie, weil chronisch Kranke medikamentös behandelt werden.

Wie sind denn die Pharmaunternehmen im Hinblick auf den Umgang mit den Daten aufgestellt?
Unsere Erfahrung zeigt, dass es bei der Pharmaindustrie mit dem Fokus auf die Forschungsfragen bereits einen routinemäßigen Umgang in der Installation von Datenanalysen gibt. Es wäre jetzt also ein naheliegender nächster Schritt, aus diesen routinemäßigen Forschungsdaten mit einem anderen Auswertungsfokus auf die gleiche Datenbasis zu schauen.
Ich gehe davon aus, dass es bei den international agierenden großen Konzernen außerhalb von Deutschland bereits der Fall ist. Entsprechende Patientensteuerungsmodelle auf Basis der Daten existieren bereits in Südeuropa oder den USA. In Deutschland herrscht aber noch eine „höfliche Zurückhaltung“.

Woran liegt das?
Es fehlt der strategische Partner dafür. Pharmahersteller können die Daten nicht alleine auswerten, sondern nur mit einem Partner, beispielsweise auf der Kostenträgerseite. Ich denke aber, dass die Pharmaindustrie sich bereits auf einem guten Weg zu einer solchen strategischen Kooperation befindet, auch wenn es vordergründig zwischen den Kassen und den Unternehmen nach Grabenkämpfen aussieht. Man muss aber auch im Sinne der Patientinnen und Patienten den Arzt einbinden.
Ich glaube, dass die Pharmafirmen im Hinblick auf die Analytik gut aufgestellt sind, das Know-how zu den Algorithmen ist da und auch die Fähigkeit, Daten zu Informationen zu machen und auszuwerten. Für den Durchbruch einer patientenorientierten Steuerung fehlt aber wie gesagt der strategische Partn

In dem Gutachten schlagen Sie vor, einen Datentreuhänder einzusetzen, der die Gesundheitsdaten anonymisiert und verwaltet. Brauchen wir eine neue Institution für diese Aufgabe?
Den Datentreuhänder im Gesundheitswesen gibt es bereits. Sämtliche Morbiditätsdaten landen heute schon beim Bundesversicherungsamt (BVA). Diese Behörde sammelt mit Blick auf den Finanzausgleich anonymisierte Finanzdaten beziehungsweise Morbiditätsdaten der Kassen. Diese kommen wiederum aus den Abrechnungen. Es gibt also schon einen Datenaufbereitungsprozess für 70 Millionen gesetzlich Versicherte. Das BVA ist auch – übrigens ganz im Sinne unseres Gutachten-Vorschlags – nicht erwerbswirtschaftlich tätig.
Mit Fokus auf Case Care Management und Chroniker-Modelle wäre das also auf dem Weg zur Patientensteuerung ein logischer Schritt. Wir müssten dabei noch nicht einmal die Datenbasis wechseln. Der Anonymisierungsgrad würde weiterhin bei den Kassen bestehen bleiben. Wenn dann eine Krankenkasse die Daten an den Treuhänder überliefern würde, würden diese beim Treuhänder auch anonymisiert ausgewertet. Der Treuhänder wäre dann auch für die Verhinderung der Deanonymisierung zuständig. Das BVA hätte im Übrigen gar kein Interesse daran, eine Deanonymisierung der Daten vorzunehmen.

Da stellt sich natürlich gleich die Kapazitätsfrage: Hat das BVA das Know-how und die richtigen Mitarbeiter dafür?
An dieser Stelle möchte ich auf die Diskussion aus dem Jahr 2006/2007 im Vorfeld des Gesundheitsfonds verweisen, der seit 2009 existiert. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie groß die Zweifel daran waren, ob eine Bundesbehörde die kompletten Finanzen der Krankenkassen verwalten, auswerten, und anschließend die Gelder vergeben kann. Heute machen das fünf oder sechs Mitarbeiter im BVA.
Ich sehe es weniger kritisch, dass das BVA auch die Anonymisierung der Patientendaten vornehmen und im Sinne einer besseren Patientenversorgung auswerten könnte. Es ist übrigens bereits gesetzlich verankert, aber aus dem Blick der Öffentlichkeit geraten, dass die DMP ebenfalls bereits beim BVA verwaltet werden.

Laut Experten werden die Ausgaben signifikant sinken.
Dem widerspreche ich. In Fachkreisen fürchtet man viel mehr, dass die Individualisierte Medizin die Ausgaben explodieren lässt. Denn wir haben ja ein pauschaliertes Vergütungssystem in Deutschland.
Unsere Analysen zeigen, dass es nicht eine Frage der Technik ist, ob aus einer Pseudonymisierung eine Anonymisierung gemacht werden kann, die eine Deanonymisierung sehr aufwendig macht. Wir haben in dem Gutachten sehr klar gezeigt, dass es durch das Treuhändermodell einen so genannten Gateway zur Digitalisierung gibt. Nun ist es aber auch so, als würden wir damit Graf Dracula zum Chef der Blutbank machen. Denn wenn ich den Patienten – und das hören wir immer wieder in den Sonntagsreden – die digitale Kompetenz gebe und der Patient in die digitalen Anwendungen und Treuhänderportale ein gewisses Vertrauen entwickelt, dann entstehen daraus Ansprüche.
Es gibt andererseits keine Entschuldigung mehr, den Einstieg in die neue Digitalisierungsmethodik nicht zu wagen. Dafür sind die Chancen der KI und der Individualisierten Medizin zu groß. Und genau das eröffnet der Pharmaindustrie eine hochgradig interessante Perspektive.

Aber werden die Ausgaben durch die Personalisierte Medizin nicht eher sinken, weil Medikamente viel präziser und effektiver angewendet werden können?
Das wird nicht der Fall sein, weil bis heute die Dunkelziffer an bisher unentdeckten Erkrankungen sehr hoch ist. Und wenn Patienten mit solchen Erkrankungen ein über die ärztliche Therapie hinausgehendes, weiteres Angebot an Gesundheits-Leistungen vorfinden, entsteht ein Zusammenspiel von erweitertem Angebot und einer erweiterten Nachfrage. Die wiederum wird die Kosten enorm ansteigen lassen.

Und dennoch befürworten Sie den Einsatz digitaler Gesundheitsleistungen?
Wir haben nicht zuletzt durch das Gutachten versucht, ganz allgemein eine Vertrauensbasis zu schaffen, damit digitale Anwendungen genutzt werden. Der Patient ist heute schon über die möglichen Gesundheitsleistungen bestens informiert. Die Patienten kommen immer häufiger mit einer gewissen Anspruchshaltung in die ambulanten Praxen. Das ist der Grund dafür, dass wir tendenziell höhere Ausgaben haben werden, als tendenziell sinkende.
Was wir aber bei der Ausgaben-Diskussion völlig aus dem Blick verlieren, ist die Forschung an heute noch für unheilbar gehaltenen Erkrankungen. In der Krebs- oder AIDS-Forschung könnte die KI riesige Fortschritte bringen, die man sich gesellschaftlich auch wünscht. Allerdings sollte die Politik in diesem Zusammenhang konkrete Gesundheitsziele definieren, anstatt Kostendämpfungspolitik wie in den letzten Jahrzehnten zu betreiben. Aber ich bin zuversichtlich, denn ich sehe einen Generationenwechsel in der Politik.

Wie könnte man denn die Kostenexplosion im Gesundheitswesen verhindern?
Es ist Fakt, dass neue digitale Behandlungsmethoden in den Gesundheitsmarkt gebracht werden. Dafür müssen Sie sich nur die digitalen Projekte des Innovationsfonds anschauen, die höchstwahrscheinlich auch in die Regelversorgung aufgenommen werden.
Man könnte aber kritisch hinterfragen, warum wir dafür überhaupt den Innovationsausschuss brauchen. Genau hier sehe ich die kostentreibenden Elemente: Statt alte Zöpfe abzuschneiden und neue Haare wachsen zu lassen, bleiben die alten Zöpfe dran, und obendrein wird auch noch ein Toupet daraufgesetzt. Das erlebe ich übrigens seit 40 Jahren.

Welche alten Zöpfe würden Sie abschneiden?
Erstens die Kostenpauschalen in der ambulant ärztlichen Behandlung, zweitens die Fallpauschalen (DRG-Modelle) im Krankenhaus. Ein weiterer alter Zopf ist die Finanzierungsfrage. Heute diskutiert niemand mehr darüber, dass wir mit 15,5 Prozent den historisch höchsten Krankenkassen-Beitrag aller Zeiten bezahlen. Hätte ich das 1980 bei meiner AOK gesagt, hätte man mich für einen Fantasten gehalten.
Wir finden das aber heutzutage in der ganzen Republik völlig normal, dass knapp 16 Prozent unseres Einkommens in die Krankenkasse fließt. Und das liegt an dem Gesundheitsfonds, auch dieser alte Zopf gehört abgeschnitten. Dann würde eine völlig neue Landschaft entstehen, bei der der Patient genau wüsste, was er einzahlt, und die Morbiditätsverteilung den Risikoausgleich sicherstellen würde. Das sollte aber mit gleichzeitiger Steuerung von Patientinnen und Patienten einhergehen, die in der Versorgung tatsächlich eine Verbesserung hätten.
Die Voraussetzungen zur Patientensteuerung unserer Krankenversicherten haben wir längst. Nun geht es darum, das Finanzierungssystem und den Zugang zu neuen Behandlungsmethoden neu zu regeln und auf die KI und die Digitalisierung zu setzen.

Herr Neumann, vielen Dank für das Gespräch. <<

Siehe dazu auch den Artikel "Brauchen wir einen Datentreuhänder?" über das ABIDA-Gutachten.

Frank Neumann, Bereichsvorstand „Beratung und Vertrieb“ bei der Datatree AG, begann seine Berufslaufbahn mit der Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten bei der AOK, der sich die Fortbildung zum Krankenkassenbetriebswirt anschloss. Zusätzlich absolvierte er das berufsbegleitende Studium zum Diplom-Betriebswirt (VWA). Darüber hinaus blickt er auf langjährige Erfahrungen für die Private Krankenversicherung (Signal Iduna) sowie 18 Jahre Vorstandstätigkeiten bei einer großen Innungskrankenkasse zurück. Als selbständiger Unternehmensberater im Gesundheitswesen und der Pflege unterstützte er Einrichtungen und Startups auf ihrem Weg in die Digitalisierung. Darüber hinaus ist er Lehrbeauftragter der FOM Düsseldorf im Studienfach Gesundheits- und Sozialmanagement.

 

Ausgabe 11 / 2018

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