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Ausruhen ist nicht

31.08.2018 16:18
Wieder eine Studie zum Stand der Digitalisierung in Deutschland? Ja, denn es scheint unerlässlich den Status quo der Digitalisierungsmaßnahmen der deutschen Unternehmen zu beleuchten – und das auf empirisch evidenzbasierten Füßen. Noch immer agiert die deutsche Wirtschaft zu träge, wie die aktuelle Studie „Digitale Transformation 2018. Hemmnisse, Fortschritte, Perspektiven“ von etventure zeigt. Auf dem Qualitätssiegel „Made in Germany“ dürfen Unternehmen sich nicht ausruhen, mahnen die Studienautoren, die die Erhebung zum dritten Mal in Folge veröffentlicht haben. Vielmehr müsse das deutsche Wirtschafts-Know-how in digitale Geschäftsmodelle übertragen werden. Und das schnell.

>> Deutsche Unternehmen stecken mittendrin. Das Thema digitale Transformation haben die meisten mittlerweile auf dem Schirm. So gehört für die Mehrheit (56%) das Thema im Jahr 2018 zu den drei wichtigsten. Zum Vergleich: 2016 stand das Thema nur bei 35% unter den Top-3-Themen. Allerdings verstehen die mit der Digitalisierung betrauten und von GfK im Auftrag von etventure befragten Entscheidungsträger der rund 2.000 deutschen Großunternehmen unter dem Begriff Unterschiedliches.

Neue, digitale Geschäftsmodelle sind gefragt

So sind 55% der Meinung, digitale Transformation manifestiere sich hauptsächlich in der Digitalisierung des bestehenden Geschäftsmodells beziehungsweise bestehender analoger Prozesse. 28%, und damit nach Einschätzung der Autoren zu wenige, halten die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle für den zentralen Aspekt der digitalen Transformation. Dagegen nennen 5% die digitale Schulung und Weiterbildung als primäres Element und 12% die Vereinheitlichung und Optimierung des IT-Systems. Philipp Depiereux, Gründer und Geschäftsführer der etventure GmbH, sagt zu diesem Resultat: „Diese Ergebnisse zeigen, dass zwar viele Unternehmen erste Digitalinitiativen gestartet haben, aber nicht über den inkrementellen Bereich hinauskommen. Wer den Fokus nur auf das bestehende Geschäft legt oder gar nur die IT optimiert, gefährdet die eigene wirtschaftliche Zukunft und Arbeitsplätze.“ Es gehe darum, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, die dem technologischen Wandel ebenso wie den sich verändernden Kundenbedürfnissen gerecht würden.

Und das in einem größeren Tempo, denn mit 44% sieht sich die Mehrheit nur „befriedigend“ oder „ausreichend“ (11%) für den digitalen Wandel gerüstet. „Sehr gut“ sehen sich hingegen nur 6% der Unternehmen vorbereitet. Die Autoren rekurrieren auf Zahlen aus der letztjährigen Erhebung, wenn sie die USA zum Vergleich heranziehen: Bereits für 2017 gaben 47% der befragten Konzerne in Übersee an, „sehr gut“ auf die digitale Transformation vorbereitet zu sein. Und wie sieht es speziell in der Pharma- und Healthcarebranche aus? „Die Unternehmen fangen erst allmählich und eher zögerlich an, sich mit der digitalen Transformation auseinanderzusetzen“, so Depiereux. „Dabei ist in kaum einem anderen Feld das Potenzial durch digitale Technologien so groß wie im Gesundheitssektor. Hier trifft ein hohes Marktvolumen auf ungenutzte Datenschätze und hohe Ineffizienzen auf Seiten der Unternehmen, die man mithilfe digitaler Tools vergleichsweise einfach verbessern könnte.“ Zugleich würden auch die Kunden mittlerweile digitale Touchpoints und auf sie individuell angepasste Services erwarten. Der Veränderungsdruck auf die Unternehmen wachse somit stetig.

Betreibt man Ursachenforschung der die deutsche Wirtschaft hemmende Faktoren in Sachen digitaler Transformation, so geben die Digital-Entscheider der deutschen Unternehmen zuallererst das Pro-
blem der „Verteidigung bestehender Strukturen“ (58%) an. Auf Platz 2 rangiert hier mit 51% die „Fehlende Erfahrung bei nutzerzentriertem Vorgehen“, und ein besonderes Augenmerk kann auf das Hemmnis „zu vieler Entscheidungsebenen“ gelegt werden. Diese Angabe hat sich seit 2016 nämlich sogar mehr als verdoppelt und schlägt für das Jahr 2018 mit einem Wert von 32% zu Buche. Fokussiert man die Gesundheitsbranche, so hat man es in der Pharma-Branche gemeinhin mit einem sehr regulierten Markt zu tun. Für Depiereux kein Grund, die Digitalisierung links liegen zu lassen. „Auch der Finanz- und Versicherungssektor beispielsweise ist stark reguliert und bei der Digitalisierung dennoch schon weiter.“ In der klassischen Industrie wiederum, etwa im Maschinen- und Anlagenbau, begegne einem immer wieder die Erklärung, dass Digitalisierung bei solch hochkomplexen Produkten nicht möglich sei. „Tatsache ist aber: Weder Regularien noch komplexe Produkte werden die Digitalisierung in diesen Branchen verhindern. Es mag vielleicht etwas länger dauern, bis sich ein Startup oder ein digitaler Player an dieses Feld herantraut. Irgendwann passiert es aber doch – das zeigt sich ja an der Healthcare-Branche gerade sehr anschaulich mit den Aktivitäten von Amazon, Google oder Apple.“

Obwohl laut Untersuchung der digitale Wandel zunehmend zur Chefsache wird, kämen deutsche Unternehmen teilweise noch immer zu langsam voran und stießen an zahlreiche interne Hürden, wie Dr. Christian Lüdtke, ebenfalls Gründer und Geschäftsführer von etventure, zusammenfasst. „Das deutet darauf hin, dass es auch in den Führungsetagen der deutschen Unternehmen an Mut, Entschlusskraft und Durchsetzungsstärke fehlt, um diese Hürden aus dem Weg zu räumen. Es braucht eine starke und überzeugte, aber auch empathische Führung, um diesen Change-Prozess erfolgreich zu steuern und die Mitarbeiter mitzunehmen.“

Scheitern am Bewahrertum

Ganz klar ist für die Studienautoren anhand der Ergebnisse, dass Digitalisierungsprojekte vor allem an internen Hürden, den bestehenden Strukturen, Prozessen und Hierarchien scheitern. Die Verteidigung des Ist-Zustandes sei die schlechteste Möglichkeit mit den Herausforderungen umzugehen. Doch was tun? Ein essenzielles Element sei, den Fokus weg vom Produkt und hin zum Kunden zu verlagern. Dieser radikale Umbruch – dieser Ausbruch aus gewohnten Denk- und Arbeitsweisen – sei jedoch zwingend notwendig, wenn ein Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben wolle. Aber von Grund auf neu zu denken fällt in etablierten Strukturen schwer, daher empfehlen die Autoren als ersten Schritt: „Raus aus der ,Bewahrerorganisation‘. Außerhalb der Kernorganisation, im ,geschützten Raum‘, beispielsweise in einer eigenständigen Digital-Einheit und losgelöst von den Strukturen, Hierarchien und Prozessen, die die Transformation der deutschen Unternehmen lähmen, können neue digitale Ideen mit freiem Blick auf den Kunden entwickelt und getestet und neue agile Methoden erprobt werden.“

Hier sind auch Fehler erlaubt, ja sogar gewünscht, denn diese werden als Entwicklungschance wahrgenommen. Doch den Schritt, die Digital-Einheit eben nicht innerhalb des Unternehmens, sondern extern aufzubauen, gehen im Jahr 2018 nur 8%. Zu wenig, findet Depiereux: „Die deutschen Unternehmen setzen vermehrt auf interne Digital-Labore und schaffen es dennoch nicht, die genannten Hemmnisse zu vermeiden. Dieses Ergebnis bestätigt unsere jahrelange Erfahrung, dass Innovationen im Sinne neuer digitaler Geschäftsmodelle niemals innerhalb eines Unternehmens erfolgreich entwickelt werden können.“ Das Hinterfragen der gesamten Wertschöpfungskette und des bestehenden Geschäftsmodells für Menschen, die unmittelbar von möglichen Veränderungen betroffen sind, sei naturgemäß schwierig, wie Depiereux weiter ausführt. Und so stellt sich der „geschützte Raum“ als perfekte Spielwiese dar, auf der Fehler gemacht werden dürfen, die später im Alltagsgeschäft nicht mehr erlaubt sind.

Erfolgreich getestete Innovationen außerhalb des Unternehmens „können dann in die Kernorganisation übertragen und so die Mitarbeiter durch konkrete Erfolge in Form von validierten digitalen Services und Produkten begeistert werden. Auf diese Weise wird mittelfristig auch der notwendige intensive Austausch zwischen Kernorganisation und Innovationseinheit initiiert“, resümiert Depiereux.

Wie gelingt eine effektive Zusammenarbeit mit Startups?

Als Katalysator setzen Unternehmen mit weiterhin steigender Tendenz auf die Zusammenarbeit mit Startups. Waren es 2016 31% Prozent, so kooperieren im Jahr 2018 38% mit den innovativen, jungen Unternehmen. Allerdings plant die Mehrheit der Befragten (47%) eine solche Zusammenarbeit nicht. Damit aus der Kooperation ein Erfolg wird, gibt etventure folgende Empfehlungen:
Ziele festlegen: Startup-Methoden lernen? Talente für das eigene Unternehmen finden? Zugang zu neuen Technologien und neuen Märkten erhalten oder ganz neue Kundenzielgruppen über digitaleWege erreichen? Das Unternehmen muss wissen, was es will,
Partner aussuchen: Die Partnerwahl ist essenziell, will man sich mittelfristig aneinander binden, bzw. ein gemeinsames Projekt erfolgreich durchführen. Zu achten sei dabei auf die Entwicklungsphase des Startups,
Setup aufsetzen: gegenseitiges Verständnis für die kulturellen und organisatorischen Unterschiede aufbringen. Durch die Arbeit in kleinen, gemeinsamen Teams könnten so agile Methodik, innovatives Denken und Startup-Kultur auf der einen Seite, langjährige Branchen-Expertise, Kapital und Zugang zum Kunden auf der anderen Seite – sinnvoll zusammenführen, ohne dass es zum „Culture Clash“ komme.

Eine Bewertung des Startup-Engagaments nach den ersten Jahren des Ausprobierens bezüglich Rentabilität und einem klaren Mehrwert für das Kerngeschäft versteht sich von selbst.

Abbau von Hierarchien

Eine große gesellschaftspolitische Dimension, hat in Deutschland die emotionale Frage angenommen, ob, nein eigentlich in welchem Umfang die digitale Transformation Arbeitsplätze vernichtet. Die Weltuntergangsstimmung spiegelt sich in den Antworten der Befragten nicht in dem Maße wider. 57% erwarten, dass die Digitalisierung keinen Einfluss auf dieZahl der Arbeitsplätze insgesamt haben wird. Im letzten Jahr waren das noch 61%, aber mit 26% liegt der Anteil derer, die die Entstehung neuer Arbeitsplätze erwarten um 7% höher als im Jahr 2017. Dass Arbeitsplätze abgebaut werden, meinen 20 Prozent – im Gegensatz zu 17% im Vorjahr.

Die Mannschaft muss gut besetzt und ausgebildet sein, damit das Projekt digitale Transformation umgesetzt werden kann. 72% zeigen sich überzeugt, dass die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter das größte Pfund in der Waagschale darstellt. Alarmiernd nur, dass 62% der Unternehmen ihre Mitarbeiter bisher nicht für die Anforderungen präpariert sehen. Deshalb setzen im Jahr 2018 79% auf Weiterbildungsprogramme für Mitarbeiter zur Vermittlung von digitalem Know-how und agilen Methoden, gefolgt von internen Ideen-Wettbewerben (46%) und gezielte Förderung des unternehmerischen Engagements der Mitarbeiter (Intrapreneurship) (44%). „Learning by doing“ sei hier angesagt, verrät Dr. Dorothea von Wichert-Nick, Geschäftsführerin etventure GmbH, und empfiehlt temporäre Digital-Projektarbeit inner- wie außerhalb des Unternehmens. „Ängste und Skepsis werden abgebaut und Begeisterung entfacht“, weiß Wichert-Nick und diese gelte es dann auch nach außen zu tragen, um Bewerber, und darunter natürlich auch welche mit Digital-Know-how, für sich zu gewinnen.

Dass eine neue und moderne Unternehmenskultur Einzug halten muss, ist 80% der Firmen bewusst, „doch nur die wenigsten trauen sich an strukturelle Veränderungen wie den Abbau der Hierarchien heran“, lautet das etwas ernüchternde Fazit von Wichert-Nick an dieser Stelle. Mut scheint jedoch eines der wichtigsten Kriterien zu sein, um sich fit für die Zukunft zu machen. Jedes zweite Unternehmen ist sich den Untersuchungsergebnissen zufolge bewusst, dass die eigene Branche durch die digitale Transformation einem starken oder sehr starken Wandel ausgesetzt sein wird, jedoch sind 35% derselben Befragten der Meinung, dass sich ihr Geschäftsmodell dadurch nicht ändern wird.

„Darin offenbart sich eine verzerrte Wahrnehmung der deutschen Unternehmenslenker und lässt Zweifel daran aufkommen, ob die Unternehmen hierzulande ausreichend in die eigene Zukunftsfähigkeit investieren“, geben die Studienautoren zu bedenken. Fazit: Die deutschen Unternehmen wiegen sich bei der digitalen Transformation in vermeintlicher Sicherheit – Tech-Giganten wie Google und Amazon werden nicht als Wettbewerber erkannt. So verorten 71% die größte Wettbewerbsbedrohung in der eigenen Branche. Tech-Unternehmen wie Amazon oder Google werden mit 11% genannt und Startups scheinen mit 7% fast gänzlich vom Radar der Unternehmen verschwunden zu sein. Digitale Quereinsteiger wie Uber, Netflix oder AirBnB scheinen ausgeblendet. Depiereux schließt hier auch die Pharma- und Healthcare-Branche mit ein, „die mit ihren aktuellen Geschäftsmodellen schlicht zu erfolgreich“ sei und die verkenne, dass Player wie Amazon oder Google finanziell wie auch technologisch in der Lage seien, eine Branche in kürzester Zeit umzukrempeln.

Das kritische Hinterfragen des eigenen Geschäftsmodells und das disruptive Angreifen desselben müsse ganz oben auf der Agenda stehen, um moderne Strukturen zu schaffen und dauerhaft wettbewerbsfähig zu bleiben, so Depiereux. Der deutsche Mittelstand dürfe sich nicht auf dem Erreichten ausruhen, mahnen die Studienautoren. „Made in Germany“ sei etwas wert und es gelte die klassischen Werte deutschen Unternehmertums in eine neue Ära zu überführen. <<

Ausgabe 09 / 2018

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