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Herzschlag

05.11.2018 17:36
Clevere Ideen und smarte Technik kombiniert das belgische Startup Qompium NV. Mit der App „FibriCheck“ hat das junge Unternehmen eine Lösung entwickelt, die es möglich macht, mithilfe des Smartphones oder einer Smartwatch Herzrhythmusstörungen zu identifizieren und einzuordnen. Vor kurzem hat die App auch die FDA-Zertifizierung erhalten; die CE-Zertifizierung hat sie bereits im Sack. Das hört sich nach guten Rahmenbedingungen an, „doch die Einführung digitaler Gesundheitslösungen auf dem deutschen Markt ist aufgrund der Systemstruktur eine Herausforderung“, hat Mitgründer und CEO, Lars Grieten, im Gespräch mit „Pharma Relations“ erklärt.

>> Fingerauflegen. Für eine Minute. Das optische Signal der Handykamera – das Photoplethysmographiesignal oder PPG genannt – misst dabei die Lichtreflexion, die durch das Blut in der Fingerspitze verursacht wird. „Darauf basierend wird ein Signal aufgebaut, das das Pulssignal darstellt. Nach jeder Messung wird der Benutzer aufgefordert, seine Symptome, falls vorhanden, einzugeben, und die Daten werden an eine Online-Plattform gesendet, auf der Künstliche Intelligenz eine genaue Diagnose des Herzrhythmus gewährleistet“, erklärt Mitgründer und Geschäftsführer, Lars Grieten, die Funktionsweise der App. Im nächsten Schritt würden die generierten Daten so verarbeitet, dass sie von einem Arzt oder einem Fernüberwachungszentrum interpretiert werden können, beschreibt er das weitere Prozedere. Am Ende stehe ein aus den Diagnoseergebnissen erstellter Bericht, der bei Bedarf alle erforderlichen Informationen und eine Empfehlung für einen Call-to-Action enthalte.

Wo das KI-Herz schlägt

Aber wo sitzt denn hier die Künstliche Intelligenz ganz genau und wie arbeitet sie? Grieten: „Die künstliche Intelligenz basiert auf zwei Themen: Das erste ist die Fähigkeit, das einzigartige Qualitätssystem von ,FibriCheck‘ zu gewährleisten. Die Verwendung optischer Signale zur Bestimmung des Herzrhythmus ist eine Herausforderung, da das Signal sehr empfindlich gegenüber dem Rauschen externer Faktoren ist.“ Der erste Schritt bestehe darin, diese Rauschfaktoren zu identifizieren. Zumal die App in einer Umgebung eingesetzt werde, in der kein Arzt die Qualität der Aufnahme garantiere. „Das sind frei lebende Daten und die machen es so komplex, dass wir KI brauchen“, führt der Belgier aus.

Eine zweite Ebene stellt dann die Smartphone-Variabilität dar. Bei mehr als 15.000 verschiedenen Smartphone-Modellen auf dem Markt ist eine Testung jedes einzelnen Gerätes wohl utopisch, sodass „Sie ein System benötigen, das Sie warnt, wenn ein bestimmtes Smartphone-Modell Qualitätsprobleme macht, die mit dem Gerät und nicht mit dem Benutzer zusammenhängen.“ Daher hat das Startup einen Live-Qualitätsüberwachungsprozess entwickelt, das Alarm gibt, diese Geräte aus den App-Stores zu entfernen.

Nebenschauplätze

Auch, um den Herzrhythmus des Benutzers zu bestimmen, greifen die Entwickler auf KI zurück. „Das Erkennen von Vorhofflimmern ist relativ einfach“, so Grieten, „aber die Herausforderung besteht darin, ihren Algorithmus sehr spezifisch zu machen, um diese Herzrhythmusstörung von anderen Störungen zu unterscheiden.“ Eine komplexe Analyse mithilfe Künstlicher Intelligenz macht heute eine Identifikation zehn verschiedener Arrhythmien möglich, was eine gute diagnostische Leistung mittels „FibriCheck“ ermögliche, so der Gründer. Derzeit könne die App nur mit Hilfe eines Zugangstokens beziehungsweise -codes verwendet werden, der von einer Gesundheitsorganisation oder einem Anbieter ausgestellt wurde, erläutert Grieten. Dies ermögliche eine kontrollierbare klinische Nachkontrolle. „Es werden derzeit alternative Betriebsmodi implementiert, um „FibriCheck“ Benutzern anzubieten, die die App ohne den Arzt in der Schleife verwenden möchten“, wirft der CEO einen Blick in die Zukunft.

Doch wer haftet, wenn eine Messung daneben geht und ein falsches Ergebnis erzeugt – möglicherweise mit weitreichenden Konsequenzen?

„Da digitale Gesundheit ein ziemlich neues Gebiet ist, sind Haftungsfragen nicht immer einfach zu beantworten, da es keine geeigneten Gesetze gibt. Digitale Tools führen dazu, dass viele wertvolle Daten – im Prinzip – sofort verfügbar sind, aber die Tatsache, dass Telemonitoring in den meisten Ländern nicht erstattet wird, schafft für Mediziner keinen Anreiz, ihren Patienten rund um die Uhr zu folgen.“

Bis jetzt hatte das Startup laut Grieten keine Haftungsprobleme, „aber Algorithmen und KI sind natürlich nicht perfekt“. Daher sei es wichtig, den Benutzer korrekt darüber zu informieren, was die App kann und was nicht. Die Tatsache, dass „FibriCheck“ die Notfallversorgung nicht ersetzt und dass in dringenden Fällen eine medizinische Versorgung erforderlich ist, muss der User bestätigen. Auch sei man beispielsweise gegen falsche Analysen durch den Algorithmus versichert.

Der „große, aber sicher nicht fortschrittlichste“ deutsche Gesundheitsmarkt biete für Startups dennoch Potenzial, allerdings brauche es hier kreative Konzepte, so Grieten. „Aber wir sehen, dass einige Startups diese Botschaft verstanden haben“, lautet sein tendenziell positiver Blick in die Digital-Health-Zukunft. <<

Ausgabe 11 / 2018

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