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„Die Burgmauern halten nicht mehr!“

06.12.2021 20:59
Wir liefern keine ‚Berichte‘ – wir liefern Zahlen und Entwicklungen aus der Wirklichkeit“, bringt die seit 2010 existierende EPatient Analytics GmbH ihr selbst erklärtes Alleinstellungsmerkmal auf den Punkt. Die Ergebnisse für das zweite Halbjahr 2021? Die stellten Dr. Alexander Schachinger, Gründer und Geschäftsführer von Patient Analytics, und Ihno Fokken, Gründer und Geschäftsführer Friesische Freiheit, am 23. November vor. Der Paradigmenwechsel im Gesundheitssystem – bedingt durch die Digitalisierung – geht weiter. Kein Wunder. Aber brisant: Der eigene Arzt, die Apotheke vor Ort sind nicht mehr der primäre Ansprechpartner. Rund die Hälfte der ärztlichen Online-Konsultationen wird, so Schachinger, nicht vom eigenen Arzt durchgeführt, sondern von einem dem Ratsuchenden fremden Arzt neuer Marktanbieter. Fast jedes zweite eingescannte Rezept gehe an eine Versandapotheke. Und auch bei der sprunghaft gestiegenen Nutzung von Gesundheits-Apps haben sich die Bürger:innen nicht vorher mit ihrem Arzt verständigt.

>> 2 Mal im Jahr werden 3.000 Bürger:innen und Patienten:innen zu ihrer Nutzung von digitalen Gesundheits- und Medizinanwendungen – quotiert an die deutsche Bevölkerungsstruktur – befragt. Die Datenbasis erlaube, so Schachinger, genaue Zielgruppen- und Benchmarkanalysen sowie Markttrends auf Anfrage. Der Untersuchungsmodus des EPatient Survey gibt den Blick frei auf die soziodemografischen Milieus und deren Aktivitäten im Bereich eHealth.

„Wir versuchen, den eHealth-Markt – also digitale, webbasierte Anwendungen zum Thema Prävention, Kurse, Diagnostik, Therapie, Konsultation, Medikamenten-Apps, Pflege – zu untersuchen. Wir fragen immer rund 15 Anwendungen ab“, erklärt Schachinger und legt die wesentlichen Untersuchungsergebnisse auf den Tisch.

Und dort landen zuallererst die Krankenkassen. Während des Lockdowns konnten diese besonders ihre Kunden über die Website, Social-Media-Kanäle, Newsletter und Briefe packen. Sie haben laut Schachinger an Relevanz gewonnen, den Versicherten digiale Lösungen aufzuzeigen. Und davon gibt es einige.

Provokatives Bild für Gesundheitspolitik und Selbstverwaltung

Online-Kurse zum Beispiel (s. Abb.1) verzeichnen ein starkes Wachstum (von 18% (Q1/2021) auf nun 29%). Schachinger sieht in Online-Kursen, die über den Arbeitgeber angeboten werden, den Ursprung für diesen sprunghaften Anstieg. Unternehmen quer durch alle Branchen böten z. B. Online- oder Video-Joga-Kurse, selbiges zu Ernährung, Achtsamkeit oder ein Sportprogramm im Rahmen der BGM. Und die Leute machen mit. „Deutlich verstärkt durch den Lockdown“, vermutet er.

Nachdem die Online-Konsultationen am Anfang der Pandemie stark gestiegen sind (von 2% (Q4/ 2020) auf 11% (Q1/2021)), ist mit einem geringen Anstieg auf 13% nun eine Entdynamisierung zu beobachten (s. Abb. 1). Schachinger zeigt auf die deutliche Kontur einer ansteigenden S-Kurve, die eine gewisse Trägheit beschreibe und deklariert es als bekanntes Phänomen aus der Mediennutzungsforschung. „Die Frage ist: Bleibt jetzt schon eine Abflachung bei nur 13%?“

Das bleibt abzuwarten, fest steht allerdings den Untersuchungsergebnissen zufolge, welche Milieus Online-Konsultationen inzwischen intensiver nutzen. Dabei handelt es sich um eher gebildete städtische Milieus, die überwiegend unter 50 Jahren und eher gesund sind. Sie verabschiedeten sich damit aus den klassischen Empfehlungsstrukturen des Gesundheitssystems. Den chronisch kranken, bildungsfernen Patienten diesen Service erfolgreich anzubieten, sieht Schachinger kritisch.

Werden in Zukunft Marken und nicht mehr Personen Vertrauen generieren?

Der gleiche Nutzertrend scheint sich beim Rezeptescannen abzuzeichnen. Die überwiegend jungen, gesunden Milieus nutzen die neue Onlinefreiheit, keine lange Suche nach einem Arzttermin, keine lästigen Wartezeiten zur Terminvereinbarung und keine vertane Zeit im Wartezimmer. Sie wüchsen in eine Gesundheitswelt, in der Marken und nicht Personen Vertrauen generieren. Der Online-Trend im Gesundheitsbereich werde sich, so eHealth-Forscher Schachinger, analog der Entwicklung in anderen Wirtschaftsbereichen weiter beschleunigen.

Dass das etablierte Gesundheitswesen dabei aber nicht Verlierer sein muss, zeigt das bereits zu Beginn angeschnittene Thema Krankenkassen. Mit 31% sind GKV/PKVen Platz 1 der Empfehlungsgeber, vor Arzt und eigener Online-Suche für indikationsbezogene Online-Gesundheitskurse. Digitale Versorgungsszenarien seien strategisch bisher unterschätzte Größen: Denn auch bei den Apps, welche die Einnahme, Therapietreue sowie Folgebestellungen für Medikamente anbieten, sei die Eigenrecherche der Patienten der Beschaffungskanal Nummer 1 – dreimal stärker ausgeprägt als der Empfehlungskanal Arzt.

„Moratorium is‘ nich’“

Schachinger fragt: „Ist das ein digitales Therapieversagen der Leistungserbringer, welche die digitale Wirklichkeit bisher erfolgreich ausblenden?“, und hält das auf dem Deutschen Ärztetag geforderte Digitalisierungsmoratorium für obsolet. „Moratorium is`nich’“, warnt er. Eine wachsende Zahl von Versicherten, derzeit ca. 5-7 Millionen. E-Health-Nutzer, suche sich ihre medizinischen Versorgungsangebote selbst zusammen. Und über kurz oder lang würden die anderen Bevölkerungsgruppen nachziehen. Die organisierte Ärzte- und Apothekerschaft drohe zu den gesundheitlichen „Restversorgern“ der Nation zu werden. Netflix und Prime Video hätten das im TV-Markt vorgemacht, und grüben den auf Werbeeinnahmen angewiesenen TV-Sendern langsam aber ununmkehrbar die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen ab. „Sie verlieren jedes Jahr relevante Marktanteile. Derselbe Plattformeffekt greift jetzt auch im Gesundheitsmarkt, die Burgmauern des SGB V halten nicht mehr“, so Schachinger.

Werden in Zukunft Marken

Mit seinem „Lieblingsthema Digitale Versorgungsszenarien“ beendete Schachinger die Pressekonferenz. Für Strategieentscheider sei es in Zukunft sehr wertvoll zu wissen, wo der Kontext-Moment-Kanal zu verorten sei – also der Touchpoint, an dem ein Nutzer, ein Versicherter, ein Patient eine digitale Therapielösung bekomme. „Ist es ein Gespräch beim Sanitätsfachhaus? Ist es eine DiGA vom Arzt als Rezept? Eine digitale Therapielösung zum Medikament von einerner Versandapotheke?“

Zum Schluss startete Schachinger einen Aufruf: Anfang 2022 soll eine großangelegte Bürgerbefragung durchgeführt werden, die wissenschaftlich fundiert eruiert, welche Apps die Deutschen bereits nutzen, um Krankheits- und Vitaldaten zu messen und zu teilen. Konzerne, Hersteller oder Krankenkassen seien als Unterstützung für dieses Projekt herzlich willkommen. <<

Die EPatient Analytics GmbH analysiert seit 2010 Zielgruppen und Angebote auf dem digitalen Gesundheitsmarkt. Die Datenbasis erlaubt aufgrund der repräsentativen Daten genaue Zielgruppen- und Benchmarkanalysen sowie Markttrends auf Anfrage. Während bisher aufgrund der geringen Online-Nutzung nur pauschale Aussagen zu einzelnen Anwendungen möglich waren, können ab sofort differenzierte Nutzermilieus beschrieben und in Einzelanalysen für verschiedene Anwendungen und Akteure differenziert werden. Der EPatient Survey der EPatient Analytics GmbH bereitet für Unternehmen auf dem Gesundheitsmarkt diese Detailanalysen seit 2010 strategierelevant auf. Datensatzstruktur und Analysemöglichkeiten unter epatient-analytics.com.

Dr. Alexander Schachinger
ist Founder/CEO der EPatient Analytics GmbH. Tel.: 030 2067 3282, Mail: kontakt@epatient-analytics.com

Ausgabe 12 / 2021