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Wachstum trotz Investitionsflaute

04.06.2012 17:57
Die deutsche Biotech-Branche ist weiterhin auf Wachstumskurs: Im Jahr 2011 konnten die Biotech-Unternehmen, die ihren Stammsitz in Deutschland haben, den Umsatz um zehn Prozent auf 1,09 Milliarden Euro Umsatz steigern. Das ist das Ergebnis des aktuellen 13. deutschen Biotechnologie-Reports der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Auch die Zahl der Beschäftigten soll demzufolge gestiegen sein: um vier Prozent auf gut 10.000, während die Anzahl der Unternehmen mit 397 leicht unter dem Niveau des Vorjahres (403) lag. Dieser stabile Aufwärtstrend sei „trotz deutlich verschlechterter Finanzierungszahlen zu beobachten“, so die Ernst & Young-Experten. Der Zufluss von Kapital habe sich nämlich um satte 71 Prozent - von 441 auf 130 Millionen Euro - verringert.

>> Laut Report stiegen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) im Jahr 2011 im Vergleich zum Jahr 2010 um vier Prozent auf 783 Millionen Euroan. Das Gesamt-Fazit der Berater zum Branchenwachstum fällt insgesamt zuversichtlich aus. Siegfried Bialojan, Leiter des Life Science Industriezentrums bei Ernst & Young und Autor der Studie fasst zusammen: „Die deutsche Biotech-Branche hat sich 2011 in einem insgesamt günstigen wirtschaftlichen Umfeld stabil positiv entwickelt.“ Er hebt außerdem besonders hervor, dass die Verluste um fünf Prozent auf 437 Millionen Euro reduziert werden konnten, während gleichzeitig die F&E-Investitionen erhöht wurden. „Die Biotech-Branche nimmt als Innovationsmotor weiter Fahrt auf – und diese Innovationen werden zunehmend aus dem operativen Cash Flow bezahlt“, so die Prognose von Bialojan.

Klassische Finanzierungsmodelle gescheitert

Gemessen am Investitionsvolumen publizierter Finanzierungsrunden hat sich die Kapitalausstattung der deutschen Biotech-Branche im Jahr 2011 laut Report jedoch „signifikant verschlechtert“. Flossen im Jahr 2010 noch 441 Millionen Euro in die Branche, waren es im vergangenen Jahr nur noch 130 Millionen Euro, was einem Rückgang um 71 Prozent entspricht. „Sogar im Krisenjahr 2009 investierten Kapitalgeber mit 153 Millionen Euro mehr Geld in die junge Branche“, vergleichen die Studienautoren. Risikokapitalgeber investierten laut Ernst & Young-Berechnungen nur noch 87 Millionen Euro in diesen Sektor (Vorjahr: 281 Millionen Euro). „Allerdings“, betont Bialojan, „demonstriert diese Statistik mehr und mehr das Scheitern des klassischen Venture-Capital-Modells (VC-Modell) und lässt eine Vielzahl alternativer, leider meist nicht publizierter, Finanzierungen außer Betracht.“ Börsennotierte Gesellschaften hätten auf einem schwachen Kapitalmarkt lediglich 43 Millionen Euro an zusätzlichem Kapital aufnehmen können - im Vorjahr seien es noch 160 Millionen Euro gewesen. „Börsengänge deutscher Biotechnologieunternehmen blieben im fünften Jahr in Folge aus“, heißt es weiter im Report.
Europaweit falle der Rückgang beim Zufluss von Kapital weniger stark aus als in Deutschland, stellen die Ernst & Young-Experten fest. Nachdem im Jahr 2010 noch 2,8 Milliarden Euro in die Branche investiert worden seien, hätten die Unternehmen 2011 nur noch 2,05 Milliarden Euro erhalten. Dies entspreche einem Rückgang um 28 Prozent. Im gesamteuropäischen Durchschnitt habe sich die Risikofinanzierung als einigermaßen stabil erwiesen (minus acht Prozent). In den einzelnen Ländern sei sie jedoch von starken Schwankungen geprägt.
Demgegenüber seien bei Börsengängen und Sekundärfinanzierungen börsennotierter Unternehmen deutliche Rückgänge zu verzeichnen gewesen (minus 40 Prozent). Ein Gegenbeispiel bildeten die USA: Dort  habe die viel weiter entwickelte Biotech-Branche einen Anstieg des Kapitalzuflusses von 21,5 auf 29,8 Milliarden Euro im Jahresvergleich verzeichnen können. Zu verdanken sei diese Entwicklung vor allem der besseren Finanzierung börsennotierter Gesellschaften durch erfolgreiche Kapitalerhöhungen und insbesondere durch zunehmenden Fremdkapitalzugang.

Stabile Entwicklung trotz mangelndem Risikokapital

„Die deutsche Biotech-Branche leidet zwar nach wie vor unter erheblichen Finanzierungsproblemen“, konstatiert Bialojan. Allerdings gelinge es den Unternehmen zunehmend, trotz eines schwachen Kapitalzuflusses operativ gute Ergebnisse vorzuweisen: „Die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen zeigen eine gesunde und stabile Entwicklung der Branche“.
Die Unternehmen hätten auf das Scheitern des VC-Finanzierungsmodells, das sich seit einigen Jahren anbahne, bereits reagiert. Viele Firmen hätten ihre Geschäftsmodelle umgestellt, um ihre Abhängigkeit vom schwindenden Risikokapital zu reduzieren. Dabei gingen sie oft weg von der forschungs- und kostenintensiven Wirkstoffentwicklung und konzentrierten sich stärker auf innovative Technologieplattformen, Entwicklungen im Diagnostikbereich sowie Dienstleistungen. Andererseits habe vielfach auch die Steigerung der Kapitaleffizienz durch systematische Analyse der Kostenstrukturen sowie der Investitionsstrategien signifikant zu einem niedrigeren Kapitalbedarf beigetragen, so Bialojan.
Interessanterweise stellen die Ernst & Young-Autoren fest, dass auf der Kapitalgeberseite der Rückgang der klassischen VC-Investoren zum Teil durch neue Investorengruppen aufgefangen wird, die ihre Aktivitäten nicht oder nur sporadisch - meist als Teile eines Konsortiums - veröffentlichen. Diese „Dunkelziffer“ dürfte aufgrund einer stark verminderten Transparenz bei den Finanzierungsaktivitäten einen nicht unerheblichen Anteil
des „fehlenden“ Finanzierungsvolumens ausmachen, so die Berater. Zu diesen alternativen Investoren zählten unter anderem Family Offices, Privatinvestoren und entsprechende Fonds, aber auch Fördergeldgeber (EU, Bund, Länder) und Stiftungen. Bialojan sieht private Investoren, vor allem Family Offices, auf dem Vormarsch. Er geht davon aus, dass das nicht mehr funktionsfähige VC-Modell, das Ausbleiben von Initial Public Offerings und das schwache Kapitalmarktinteresse am Biotech-Sektor auf lange Sicht dazu führen werden, „dass sich die Branche von den lukrativsten Wertschöpfungsmodellen der Medikamenten-Entwicklung verabschieden wird“. <<

Ausgabe 03 / 2012

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