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Eine neue Sanitätshaus-Kultur

05.10.2021 17:45
Das Startup meevo Healthcare setzt sich für eine zeitgemäße Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln ein. Den Anfang macht das Gründer-Trio, bestehend aus Arlett Chlupka, Florian Birner und Simon Maass, mit Maßeinlagen von „craftsoles“. Das Prinzip: Kund:innen konfigurieren online ihre Wunscheinlage und bekommen ein Abdruckset mit Kohlepapier nach Hause geschickt, mit dem sie selbstständig ihre Fußabdrücke nehmen können. In der Meisterwerkstatt in Hamburg fertigen Orthopädieschuhtechniker:innen die individuellen Einlagen dann von Hand.

>> Für orthopädische Einlagen auf Rezept waren bisher mindestens zwei Besuche in einem stationären Sanitätshaus erforderlich, ein in der Vergangenheit erforderlicher Versorgungsablauf. Doch ist dieser Weg heute noch zeitgemäß? Die Gründer:innen von meevo Healthcare glauben: Nein. Das gehe auch anders – digital, transparent und bequem von Zuhause. Sie wollen den Markt für Hilfsmittel neu denken. Den ersten Schritt machen sie mit orthopädischen Einlagen.

„Prävention und eine gute Gesundheitsversorgung gehen jeden etwas an. Wir wollen alle zu mündigen Entscheidern über ihre eigene Gesundheit machen, indem wir für Transparenz, Wahlmöglichkeiten und volle Kostenkontrolle sorgen“, so Co-Gründerin Arlett Chlupka. Sanitätshaus-Kund:innen fänden sich schnell in einem intransparenten System ohne Kontrolle über Kosten oder Qualität wieder. „Wer mit einem Rezept über Gehilfen oder Einlagen in ein Sanitätshaus geschickt wird, weiß häufig nichts über eventuelle Zuzahlungen.“ Den Wenigsten sei zudem bewusst, dass sie sich auch für andere Bezugsquellen entscheiden könnten. Oftmals wäre ein Artikel online günstiger zu haben als im Sanitätshaus – und das, obwohl die Krankenkasse einen Teil übernehme.

„Kassen, Ärzteschaft und Sanitätshäuser bilden ein geschlossenes System, das von Intransparenz profitiert. Preisstrukturen offen zu legen, Kund:innen aufzuklären oder Service zu verbessern, scheinen für keine der Parteien einen Mehrwert darzustellen. Folglich ändert sich nur etwas, wenn Kund:innen Alternativen haben“, erklärt Chlupka. Um die Hilfsmittelversorgung auf ein neues Level zu heben, gründete sie gemeinsam mit Simon Maass und Florian Birner 2018 meevo Healthcare. Die erste Marke des Unternehmens „meevo“ steht für ein modernes Sanitätshaus, das mit einer Health Lounge und einer transparenten, einladenden Produktpräsentation punkten will. Bereits im August 2018 konnte meevo Healthcare die Türen für den ersten, gleichnamigen Store in der Hamburger Innenstadt eröffnen.

Ziel von meevo Healthcare ist eine Transformation des Versorgermarkts und einen unkomplizierten Zugang zu Hilfsmitteln für alle zu schaffen. Die Unternehmen hätten es in den letzten Jahren versäumt, eine digitale Kompetenz aufzubauen, die es ihnen ermögliche, ihre Kund:innen kennen zu lernen und über digitale Services einen einfachen Zugang und zusätzlichen Mehrwert zu bieten. „Digitalisierung ist nicht nur Treiber für viele Geschäftsmodelle, sondern auch Enabler – so auch in der Hilfsmittelversorgung“, sagt Simon Maass.

Sanitätshaus der Zukunft

meevo Healthcare will den Besuch im Sanitätshaus neu denken. Aufklärung und Beratung stehen im Mittelpunkt. Kund:innen sollen volle Einsicht und Kontrolle über die Produkte und Leistungen, die ihnen zustehen haben – inklusive der Optionen auf Zuzahlung. Alternativ können Interessierte aber auch im Onlineshop stöbern und bestellen und erhalten auf Wunsch eine Videoberatung. „Wir sind sehr happy, dass unser kontaktloser Service gerade während Corona entlasten konnte. Besonders vulnerablen Gruppen sollte fundierte Beratung und Versorgung auch online zur Verfügung stehen“, so Florian Birner.

Mit „craftsoles“ entwickelte das Trio ein erstes volldigitales Produkt: die Online-Versorgung mit orthopädischen Einlagen. Denn der häufigste Grund für einen Gang zum Sanitätshaus sind Schmerzen in Füßen, Knien oder im Rücken. Mehr als 70 Prozent der Deutschen leiden unter Fußfehlstellungen, Beinlängendifferenzen oder den Folgen von Haltungsproblemen, doch von 44 Millionen potenziellen Einlagen-Nutzenden verwendeten gerade einmal 16 Millionen Deutsche Einlagen – dabei zählten Orthopädische Einlagen zu den Top-Tools der Prävention. Mit „craftsoles“ will meevo Healthcare daher neue Maßstäbe in puncto Tempo, Qualität und Service setzen und gleichzeitig auch die jüngere Zielgruppe in ihren Gewohnheiten abholen.

Über craftsoles.de lassen sich medizinische Maßeinlagen in nur drei Schritten konfigurieren. Dazu steht auf Wunsch ein Berater per Videochat zur Verfügung. Gelauncht wurde 2020. „Aus dem stationären Sanitätshaus haben wir gelernt, welche Anforderungen an eine orthopädische Schuheinlage von höchster Qualität wichtig sind. Diese Erfahrung haben wir ins Digitale übertragen. Damit ist ‚craftsoles‘ Pionier für Online-Bestellungen von orthopädischen Maßeinlagen – ohne bei der Qualität Abstriche zu machen“, so Florian Birner.

Über den Online-Konfigurator wählen Kund:innen zwischen Schuhtypen sowie verschiedenen Bezügen. Das eigens von „craftsoles“ entwickelte Abdruck-Set kommt per Post und Nutzende nehmen ihre Fußabdrücke selbstständig mit Hilfe von Kohlepapier. Danach geht es per Post zurück an „craftsoles“, wo Orthopädieschuhtechniker:innen innerhalb von drei Tagen von Hand Einlagen nach Maß erstellen. Die Marke „craftsoles“ setzt nach eigener Aussage auf „erstklassiges Handwerk“: Je nach Indikation und Schuhtyp können aus mehr als 30 Materialien die passenden Komponenten für die individuelle Einlage gewählt werden – von Sport über Business bis zu Arbeitssicherheit. „Wir stellen die qualitative Versorgung unserer Kund:innen an erste Stelle. Wer heute noch mit minderwertigen Einlagen versorgt, hat nicht verstanden, dass es neben der gesundheitlich korrekten Versorgung auch darum geht, dass Kund:innen die Einlagen gerne tragen und ihre Einlage regelmäßig erneuern”, sagt Florian Birner. „Immer mehr nicht-medizinische Alternativen drängen aktuell in den Markt, überzeugen durch Lifestyle Branding und verdrängen das medizinische Know-how.”

Orthopädische Einlagen online zum ersten Mal auf Rezept

Aktuell baut das Team die Fertigung auf 1.000 Quadratmeter aus. Bis zum Ende des Jahres können dann rund 8.000 Paar Einlagen pro Monat hergestellt werden. Noch nutzen hauptsächlich Selbstzahler und Privatversicherte „craftsoles“, doch mit der Barmer konnte nun die erste gesetzliche Krankenkasse gewonnen werden, die eine digitale Versorgung mit orthopädischen Einlagen auf Rezept als alternativen Versorgungsweg für ihre Versicherten anbietet. „Seit der Gründung von ‚craftsoles‘ wurden wir von gesetzlich Versicherten angesprochen, die gerne ihr Rezept bei uns einlösen würden. Deshalb haben wir einen fachlich validierten Versorgungsprozess designed und sind mit den gesetzlichen Krankenkassen in den Austausch getreten“, erklärt Florian Birner. „Wir freuen uns, unseren Versicherten einen neuen Versorgungsweg für Einlagen zu eröffnen. Er ist ein weiterer Baustein unserer Strategie, die Digitalisierung im Gesundheitswesen aktiv als Krankenkasse voranzutreiben. Wie wichtig digitale Angebote sind, hat spätestens die Corona-Pandemie noch einmal in aller Deutlichkeit gezeigt“, so Susanne Eschmann, Teamleiterin „Verträge Hilfsmittel“ bei der Barmer.

Es gibt jedoch auch Kritik am „craftsoles“-Geschäftsmodell. In einer gemeinsamen Erklärung betonten mehrere Fachgesellschaften und Berufsverbände, darunter beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und der Zentralverband für Orthopädieschuhtechnik (ZVOS), „die individuelle und fachlich versierte Betreuung durch Arzt und Orthopädie(schuh)techniker ist bei der Versorgung mit Hilfsmitteln zwingend erforderlich. Dies gilt auch und insbesondere bei der Versorgung von Fußproblemen mit Einlagen. Online-Einlagen ohne die individuelle Druckabnahme, Herstellung, Anpassung und Abnahme durch Arzt und Orthopädie(schuh)techniker sind in dieser Hinsicht nicht geeignet und gefährden den Behandlungserfolg und den Patienten.“ Die Abdruckgewinnung durch den Patienten selbst sowie der Anpassung der zugesandten Einlagen durch den Patienten ohne Fachkontrolle sei „hoch fehleranfällig“ und berge die Gefahr einer Fehlversorgung oder gar einer sekundären gesundheitlichen Schädigung in sich. Die gesamte Vorgehensweise widerspreche der Forderung des Hilfsmittelverzeichnisses nach individueller Anpassung der Einlagen.

In einer Stellungnahme betont meevo Healthcare, dass man mit den Verbänden und Innungen darin übereinstimme, dass Kund:innen umfangreich und fachgerecht betreut werden müssen. Deshalb gehöre die Ersteinschätzung durch einen Arzt oder eine Ärztin sowie die umfassende fachliche Betreuung während der Einlagenerstellung zum Grundprinzip von „craftsoles“. Die Verschreibung durch einen Fach- oder Hausarzt sei klare Voraussetzung für die Übernahme der Kosten der onlineunterstützten Einlagenversorgung durch die gesetzliche Krankenkasse. Dabei würden Anamnese, Diagnose, Therapieempfehlung und -ziel sowie das Rezept auf herkömmlicheWeise erbracht. Auch die Betreuung durch Orthopädie(schuh)-techniker:innen sei selbstverständlich. Da jede „craftsoles“-Einlage eine Sonderanfertigung sei, werde sie entsprechend den Vorgaben des Medizinproduktrechts gefertigt und abgegeben.

„Die Abdrucknahme durch Kohlepapier ist eine seit vielen Jahren etablierte Methode und erweist sich in der Anwendung durch die Kund:innen als ebenso zuverlässig wie durch das Fachpersonal im Sanitätshaus“, so meevo Healthcare. Im Vergleich zum herkömmlichen Versorgungsweg könne sogar eine wesentlich engmaschigere und niedrigschwelligere Nachsorge gewährleistet werden, da weder Kund:innen noch Fachkräfte an das schmale Zeitfenster eines physischen Treffens gebunden seien. „Zu jedem Zeitpunkt haben Kund:innen die Möglichkeit, mit qualifizierten Fachberater:innen und Orthopädie(schuh)techniker:innen in Kontakt zu treten, um persönliche Bedürfnisse und Fragen zu klären. Aktuell liegen sowohl die Nachbesserungs- als auch die Rücksendequote bei weniger als einem Prozent.“ <<

Ausgabe 10 / 2021

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