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Kein TV-Bericht ohne Nebenwirkung

12.01.2009 01:00
Wieder mal steht die Pharma an der Wand: Auslöser ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen, dessen Sendereihe "Frontal 21" in der Adventszeit unter der Überschrift "Das Pharma-Kartell" mehr als harsche General-Vorwürfe gegen die ganze Branche erhob. Anhand von drastischen Nebenwirkungen von Antidepressiva wie "Prozac" und "Zoloft" führte das Autorenteam einmal mehr eine ganze Branche vor, wobei die Wortwahl beileibe nicht zimperlich war: Begriffe wie "mafiöse Strukturen" und "kriminelle Methoden" machten die Runde. An den Pranger gestellt wurde indes nicht nur die gesamte Industrie, sondern auch deren Umfeld - diesmal jedoch nicht die Agenturen, sondern Selbsthilfegruppen, Medien und sogar Behörden: Dargestellt als willfährige Büttel im Dienste der Fehl- oder nur Teilinformation. Industrie, Behörden, Vereine und Medien - der ADHS e.V., das BfArM, der BPI, Lilly und der Wort & Bild Verlag - wehren sich.

„Ich leite die ADHS-Deutschland e.V. SHG in Ludwigsfelde", schrieb das Mitglied Uli im Forum von TOKOL, einem Verein für Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Uli scheint niemand anderes zu sein als Ulrike Vogel, die — versehen mit einem Blindschatten — im „Frontal 21"-Bericht „Das Pharmakartell"0 zu sehen sein soll. Sie wird wie viele andere Gesprächspartner — oft mit versteckter Kamera — instrumentalisiert, um eine Branche als Ganzes in Misskredit zu bringen.

Die ADHS-Mitarbeiterin soll, so der kurz vor Weihnachten ausgestrahlte TV-Report, dem als betroffenen Elternteil getarnten Journalisten aktiv zur Nutzung des Medikaments „Strattera" für sein angeblich hyperaktives 17-jähriges Kind geraten und den sinnfälligen Besuch der Homepage von Lilly für weitergehende Informationen angepriesen haben. Ob dem so ist, wird seitens der ADHS-Geschäftsführung geprüft. Uli, telefonisch nicht zu erreichen, beschrieb den Sachverhalt im TOKOL-Forum1 so: „Bei mir war vor circa vier Wochen ein älterer Herr Lange zu einem Beratungsgespräch." Der sei sehr schnell auf eine mögliche Medikation zu sprechen gekommen und hätte sie detailliert zu ihr bekannten Nebenwirkungen von „Strattera" ausgefragt. Das Forums-Post von Uli weiter: „Auch wollte er plötzlich wissen, ob Lilly schon an mich herangetreten sei wegen einer möglichen finanziellen Unterstützung." Sie hätte jedoch darauf hingewiesen, dass sich ihr Verband „grundsätzlich selbst finanziert und ganz bestimmt kein Geld von irgendeinem Pharmaunternehmen annehmen würde", und ebenso auf die ihr bekannten Suizidfälle, wobei dieser Herr Lange gemeint hätte: „Finden Sie denn zwei Fälle bei einer so großen Testgruppe so schlimm?"

Ob Vogel wirklich die betreffnen Person ist, gibt der Verband noch nicht preis, sondern will dazu erst Rücksprache halten. Dem Verband ist aber laut einer aktualisierten Stellungnahme von Dr. Johannes Streif, im Vorstand des ADHS für Öffentlichkeitsarbeit zuständig, inzwischen sehr wohl bekannt, wer die in der heimlichen Aufnahme laut Wortprotokoll zitierten Aussagen gemacht hätte: Es sei eine Telefonberaterin des Verbandes gewesen, die denn auch zugegeben habe, dass sie durch mehrfaches gezieltes Nachfragen dazu animiert worden sei, sich positiv zur Medikation mit „Atomoxetin" zu äußern. Umfangreiche Ausführungen zu Nebenwirkungen der Behandlung mit „Atomoxetin" bei Patienten im privaten Umfeld seien von „Frontal 21" dagegen nicht wiedergegeben worden. Dies führt den Diplompsychologen Streif zu der Annahme, dass auf Grundlage ihrer Angaben sowie der Weigerung von „Frontal 21", sowohl den in Frage stehenden heimlichen Mitschnitt als auch das vollständige Videomaterial des Interviews mit dem ebenfalls im TV-Beitrag zitierten ADHS-Vorstand Dr. Klaus Skrodzki zur Verfügung zu stellen, davon auszugehen sei, dass die zitierten beziehungsweise wiedergegebenen Aussagen von „Frontal 21" in fragwürdiger, gegebenenfalls auch sinnentstellender Weise verkürzt wurden. Allerdings werde der Verband — so eine Stellungnahme von Streif an „Pharma Relations" — „nicht auf Herausgabe der Informationen klagen".

So bleibt die Richtigkeit der Darstellungsweise (zumindest das von „Pharma Relations" erstellte Textfile finden Sie hier2) dieses Falls ungelöst. Sie scheint indes symptomatisch zu sein, obwohl sie nicht einmal die gravierendste ist: Investigativer Journalismus — ohne Zweifel ein wichtiges Kontrollinstrument in jeder Gesellschaftsform — treibt wildeste Blüten. Und zwar dann, wenn mit zweifelhaften Methoden bewiesen werden soll, was am besten ins Drehbuch passt und einen reißerischen Titel stützt. Vielleicht aber ließ sich der Sender auch selbst benutzen: Von John Virapen, einem ehemaligen Lilly-Manager aus Schweden und zuletzt Puerto Rico, der seinem Ex-Arbeitgeber (und sich selbst) kriminelle Machenschaften unterstellt.

Vorsicht Grauzone

Der zweite Fall ist dagegen absolut sicher inszeniert: Eine getürkte Scheinfirma namens „Agen Pharmaceuticals" mit eigens dafür angemieteten Büroräumen ließ Anzeigenvertreter großer Verlage antanzen, um für das ebenso frei erfundene Antidepressivum „Volazin" eine massive Kampagne zu besprechen — die natürlich auch im redaktionellen Bereich stattfinden sollte: Vertreter des Bauer-Verlags, von Condé Nast und des Wort & Bild Verlags gaben denn auch zum Teil kein gerade gutes Bild ab, indem sie unlautere und/oder verbotene Möglichkeiten der redaktionellen Berichterstattung zumindest andeuteten. Kleine Einschränkung: Es wurde so dargestellt! Auch hier laufen — seitens der Verlage — interne Ermittlungen. Und das selbst bei dem Flaggschiff des Wort & Bild Verlags. Aber der „Apotheken Umschau" (AU) wurde in einer anderen Filmsequenz seitens eines Angehörigen (dessen Frau Monika Kranz sich im Zuge der Einnahme von „Zoloft" umgebracht haben soll) auch noch Fehl- oder Falschinformation („die geben mehr oder weniger unkritisch die Werbebroschüren der Pharmafirmen wieder") unterstellt. O-Ton von Witwer Lothar Schröder: „Meine Frau könnte heute noch leben, wenn Pfizer rechtzeitig informiert hätte über die Risiken des Medikaments."

Von dem Arzneimittel erfahren habe seine Frau, die sich nach dem Verlust ihrer Arbeitsstelle gelegentlich betrübt und antriebsschwach gefühlt hätte, eben just aus der AU, die er darum mitverantwortlich für den Tod seiner Gattin macht. Klagen wolle er indes gegen Hersteller Pfizer, wobei er von der „Frontal 21"-Offsprecherin gleich die passende Headline bekommt: „Selbstmord als Nebenwirkung?". Und die er auch gleich in seinem eigenen Blog3 aufnimmt: „Frontal 21, Teil 4 — die Pharmamafia-Selbstmord durch Antidepressiva."

Dass im harten Kampf um Marktanteile mitunter Marketing-Mittel angewandt werden, die nicht immer koscher sind, kam sicher früher häufiger, und kommt auch heutzutage leider immer noch vor. Genau die hier aktiven „schwarzen Schafe" sind es, die die Pharmabranche auf der nach unten offenen Imageskala immer weiter sinken lassen.

Solche Praktiken anzuprangern, dafür wären öffentlich-rechtliche Formate wie „Frontal 21" geradezu ideal. Und genau das sei, so eine Antwort des ZDF auf die massive Kritik an dem TV-Bericht, auch Aufgabe gewesen: „Es ging in der Dokumentation ‚Das Pharmakartell„ darum, wie die Pharmaindustrie Ärzte, Selbsthilfegruppen und Medien manipuliert und instrumentalisiert, um ihre Produkte an den Patienten zu bringen."

Wenn es denn so gewesen wäre. So aber wurde nahezu die ganze Branche unter diverse Vorwurfsmomente gestellt, wobei Korruption — Lilly wird eine mögliche Bestechung auch bei der deutschen Zulassung von „Zoloft" unterstellt — noch der simpelste ist. „Jemand aus dem deutschen Gesundheitsamt muss bezahlt worden sein", lässt „Frontal 21" Virapen ausführlichst vermuten, aber dann einschränken: „Ich bin mir nicht sicher."

Sicher nicht umsonst spricht Henning Fahrenkamp, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie, bei diesem Bericht deshalb von „inszenierten Verdächtigungen, Verallgemeinerungen und einer reißerischen Darstellung", die einzig darauf abziele, „diffuse Ängste zu schüren und eine Branche in Misskredit zu bringen". Korruptionstatbestände seien doch neben staatlichen Sanktionen zusätzlich mit Strafen durch Institutionen der Selbstkontrolle geahndet. Es sei falsch, Patienten durch „nicht belegte Anschuldigungen zu verunsichern und einen ganzen Wirtschaftsbereich unter den Generalverdacht von Korruption und Verantwortungslosigkeit zu stellen".

4 oder 1 totes Kind?

Mindestens 16.000 Menschen sollen laut Off-Sprecherin des öffentlich-rechtlichen Sendeformats jährlich durch Nebenwirkungen von Arzneimitteln sterben. Ebenso wird behauptet, dass der Redaktion des ZDF interne Unterlagen des Bundesinstituts für Arzneimittel vorlägen, nach denen es 234 Verdachtsfälle von zum Teil gefährlichen Nebenwirkungen im Zusammenhang mit „Strattera" seit der Einführung im Jahr 2005 gegegen hätte — darunter Herzschwächen, Hörstürze und Suizidgedanken, allesamt bei Kindern und Jugendlichen. Laut der „Behörden-Liste" seien aber ebenso vier Kinder, das jüngste von ihnen drei Jahre alt, gestorben. Die Todesursachen wären gewesen: Suizid, Herzinfarkt, Gehirnschlag.

Das ist nur eine Teilwahrheit. So weist der Leiter des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, wie die „Behörde" genau heißt, die in dem TV-Bericht laut gewordenen Vorwürfe zurück und verweist auf die Antworten, die der „Frontal 21"-Redaktion im Vorfeld der Sendung auch übermittelt worden waren. BfArM-Leiter Prof. Dr. Johannes Löwer: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des BfArM arbeiten gemeinsam daran, die bestmögliche Versorgung der Menschen mit Arzneimitteln und Medizinprodukten sicherzustellen." Qualität, Wirksamkeit und Sicherheit stünden dabei im Mittelpunkt des verantwortlichen Handelns. „Vorwürfe, die das Gegenteil unterstellen oder andeuten, weise ich mit Nachdruck zurück", betont Löwer, in dessen jederzeit öffentlich zugänglicher Online-Datenbank sich aber sehr wohl 236 (nicht 234) Berichte über Verdachtsfälle von Nebenwirkungen jeglicher Art im Zusammenhang mit der Anwendung des im Produkt „Strattera" eingesetzten Wirkstoffs „Atomoxetin" bei Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre finden.

Darunter ist laut BfArM-Datenbank ein Bericht über einen vollzogenen Suizid zu finden, der sich indes wie folgt darstellt: Ein 16-jähriger Patient wurde von September bis Oktober 2005 mit „Strattera" behandelt, wobei bei diesem Patienten weitere psychische Erkrankungen bestanden hätten, weswegen er auch stationär behandelt wurde. Nach Absetzen der Therapie beging der Junge etwa eine Woche nach Entlassung aus der Krankenhausbehandlung Selbstmord.

Es soll nur noch einen weiteren und sicher ebenso tragischen Fall geben, wenn auch wohl nicht drei, wie „Frontal 21" angibt. Der ist aber noch weniger nachvollzieh- oder gar beweisbar oder direkt der Medikamentation anzulasten. Aber er ist eben umso publikumswirksamer und auch instrumentalisierbarer: Ein dreijähriges Mädchen aus den USA soll unbestätigten Angaben zufolge nach Einnahme von „Strattera" verstorben sein. Der Fall sei dem BfArM von einem Arzt berichtet worden, der seinerseits wiederum von Kollegen von diesem Fall gehört hatte, wobei allerdings keinerlei weitere Informationen vorlägen. Er ist beim BfArM zwar unter der Fall-Nummer 07061104 gelistet, basiert aber — wie Juristen sagen — nur auf Hörensagen.

Die von „Frontal 21" verbreitete Information wird gleich medial aufgegriffen. Als erstes wieder mal vom faktengetriebenen „Focus", der das „Pharmakartell" unrecherchiert in die gleiche Pfanne zu hauen versucht: „Krankes Geschäft — Wir sehen zu, wie wir betrogen werden. Und die Pille ist echt bitter."4 „Focus"-Redakteurin Carin Pawlak gibt unter der Headline polemisch wieder, was „Frontal 21" erzählt. Online-Leseprobe: „So erzählt der ehemalige Chef von Lilly in Schweden. Lilly, ein süßer Mädchenname. Lilly, die bittere Pille. Dabei macht doch ‚Prozac„ die böse Welt nur ein bisschen bunter. Wirklich? ‚Erhebliche Sicherheitsmängel„ räumt der Pharmakonzern erst ein, als Patienten sich umgebracht haben und Klagen gegen das Medikament bei den Gerichten liegen."

„Welt Online" berichtet auch, dass das für Kinder und Jugendliche mit dem so genannten Zappelphilipp-Syndrom genutzte Medikament „Strattera" nach Angaben des ZDF-Magazins „Frontal 21" in Zusammenhang mit vier Todesfällen bei Kindern stünde, aber recherchiert5 wenigstens nach: „Das Bundesinstitut kann Berichte nicht bestätigen. Woher das ZDF-Magazin ‚Frontal 21„ die Zahl vier habe, sei nicht klar, sagte ein BfArM-Sprecher."

Auch die „Süddeutsche Zeitung" wird ihrem medialen Auftrag in Print- und Online-Ausgabe gerecht. „Der TV-Redaktion zufolge seien die vier Kinder an Suizid, Herzinfarkt und Gehirnschlag gestorben", schreibt Autor Werner Bartens, der gleich nachhakte: „Nachfragen beim BfArM ergeben ein anderes Bild", schreibt Bartens: „Wir hatten zunächst Berichte über zwei tödliche Verläufe in Deutschland, sagt Ulrich Hagemann, Leiter der Abteilung für Arzneimittelsicherheit. Schließlich blieb ein Fall eines 16-Jährigen übrig, der sich umgebracht hat. Die TV-Redaktion wisse das, warum trotzdem von vier Todesfällen die Rede ist, sei unklar." Das ZDF dagegen bleibt in einer Entgegnung auf die SZ bei seiner Darstellung6.

„Gesunde Kinder"

Wie auch immer. Es steht eine mit diesen Todesfällen zusammenhängende Forderung im Raum. Der im ZDF-Report ebenfalls zu Wort gekommene Jörg Schaaber — Patientenbeauftragter im Gemeinsamen Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen und Herausgeber des Buchs „Gute Pillen — Schlechte Pillen" — erklärt immerhin wörtlich: „Das wird ja eingesetzt bei im Prinzip im Wesentlichen gesunden Kindern. Die sind nur zappelig, unruhig, können sich schlecht konzentrieren. Das hat oft keinen Krankheitswert — das ist nervig für die Umwelt. Es ist sehr fragwürdig, Kinder mit solch stark wirksamen Medikamenten zu behandeln." Denn das stehe „in keinem Verhältnis zu dem äußerst zweifelhaften Nutzen dieses Medikaments".

„Frontal 21" lässt den Nutzen-Zweifel dann auch noch durch Prof. Dr. med. Peter S. Schönhöfer vom „arznei-telegramm" erhärten: „Diese Substanzen wirken, wie wir früher sagten, wie Amphetamine oder, nach neuerem Sprachgebrauch, wie Speed. Das sind Substanzen, die gefährlich sind, weil sie einen übererregten Zustand auslösen — und dazu gehört auch die Selbstaggression, also der Suizid", so Schönhöfer gegenüber dem ZDF.

Für Lilly stellt sich der Sachverhalt anders dar. Es werde unter Berufung auf eine „angebliche Liste" der deutschen Zulassungsbehörde behauptet, dass vier Kinder starben. Richtig sei, dass kein Todesfall eines Kindes in Deutschland bekannt sei, der in „ursächlichem Zusammenhang mit ‚Strattera„" stehe. Auch Schaabers Aussage, dass „Strattera" ein negatives Nutzen-Risiko-Verhältnis habe, sei falsch. Es sei zudem grob unwissenschaftlich und zudem unverantwortlich, eine Nutzen-Risiko-Bewertung ohne Kenntnis von Einzelfällen lediglich anhand von Falllisten vornehmen zu wollen.

Falsch sei außerdem, dass „Strattera" im Prinzip „bei gesunden Kindern" eingesetzt werde. Denn die Diagnose müsse von einem Arzt mit entsprechendem Fachwissen nach international anerkannten Kriterien und die Behandlung als Teil eines umfassenden Behandlungsprogramms erfolgen.

Eine Replik richtet Lilly an den streitbaren Schönhöfer, dessen Worte eine pharmakologische Gleichsetzung von „Strattera" mit Amphetaminen und „Speed" nahelegen würden. Lilly: „Diese Aussage ist falsch." Der Grund: „Strattera" gehöre gar nicht in die Klasse der Psychostimulanzien und besitze auch kein Abhängigkeitspotenzial. Letzteres habe Schonhöfer — so wiederum seine Stellungnahme im „Frontal 21"-Forum — gar nicht behauptet. Dafür gehöre „Atomoxetin" nach der international gültigen ATC-Klassifikation jedoch zweifelsfrei zu der Gruppe der Psychostimulanzien (genauer: zur Untergruppe der zentral wirksamen Sympathomimetika), deren Leitsubstanz „Amphetamin" sei. Dieses aber wird — so Schonhöfer — „seit den 1960er Jahren in der Drogenszene auch als Speed bezeichnet".

Doch das alles ist eigentlich nur ein Nebenkriegsschauplatz. Der wichtigste Vorwurf gegen Lilly stammt von Virapen, der dem Unternehmen kriminelle oder gar mafiöse Machenschaften unterstellt und auch noch andeutet, dass diese selbst in Deutschland möglich gewesen seien. Auf Virapens Vorwürfe antwortet Lilly lapidar: „Wir weisen ausdrücklich Pauschalvorwürfe zu kriminellen Handlungsweisen wie Spionage, Bedrohung, Bestechung oder Vertuschung zurück."

Vielleicht ist das kein Wunder, denn der Fall Virapen hat wiederum seine eigene Geschichte. Wer den Nachkommen indischer Einwanderer in Britisch-Guayana nicht nur bei „Frontal 21" sehen will, klickt Youtube7 an: Dort nennt er sich John Rengen und versucht dort sein erstes Buch („Nebenwirkung Tod"8 ist sein Zweitwerk) zu promoten. Die in beiden Büchern Wort gewordenen Vorwürfe lesen sich denn auch wie ein mafiöses Komplott, das er in ähnlicher Form unter dem Pseudonym Rengen in seinem auf einer Scientology-Veranstaltung in Hamburg vorgestellten Roman „Rubio spuckt“s aus. A story from a Pharma-Insider" (Trafo-Verlag, Berlin) übrigens schon seit dem 26. Juli 2006 verbreitet9.

Schon damals aber schrieb der „Stern"-Investigator Markus Grill (Blog vom 18. August 2006, 10:14 Uhr), der nun gewiss nicht als pharmafreundlich gilt: „Wie glaubwürdig der Bericht ist, mag jeder selbst entscheiden. Der Autor liefert keine Dokumente. Er vertraut darauf, dass der Leser ihm und seiner 35-jährigen Erfahrung in der Pharmabranche glaubt."

Mit dieser Glaubwürdigkeit hat es wiederum ihre eigenen Implikationen. Katrin Blank, Manager Internal and Corporate Communications von Lilly Deutschland, bringt in einer Erklärung gegenüber „Pharma Relations" Licht in dessen Lebensgeschichte: „John Virapen ist ehemaliger Eli Lilly Mitarbeiter. Er war von Ende der 1970er Jahre bis Ende der 1980er Jahre bei Lilly beschäftigt und bekleidete in dieser Zeit verschiedene Positionen, unter anderem die des Geschäftsführers in Schweden. Zuletzt war Virapen in Puerto Rico tätig. Nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses kam es zu einem Rechtsstreit zwischen ihm und der Niederlassung in Puerto Rico. Gegenstand seiner Klage war die Beendigung des Arbeitsverhältnisses durch Lilly. Seine Vorwürfe gegen das Unternehmen ließen sich allerdings nicht bekräftigen und die Klage wurde abgewiesen."

Der zur Zeit in Deutschland lebende Virapen, so steht es ergänzend in dem bekannten amerikanischen Pharma-Blog von John Mack7 zu lesen, konnte die US-Richter (die in Fragen der „political correctness" überaus sensibel sind) laut einem Urteil10 vom 22. September 1995 nicht überzeugen, dass er in dem — den USA assoziierten — Inselfreistaat Puerto Rico (rund 87 Prozent der Bevölkerung sind Nachkommen von Spaniern oder von afrikanischen Sklaven) ausgerechnet aufgrund von Rassendiskriminierung entlassen worden sei. Ob Virapen nun bald auch deutsche Gerichte beschäftigen wird, bleibt abzuwarten. Blank: „Lilly prüft die von Herrn Virapen erhobenen Vorwürfe und behält sich rechtliche Schritte vor."

Wort & Bild geht von Anfang an nicht nur in die verbale Gegenoffensive, sondern gleich juristisch gegen die Autoren Astrid Randerath und Christian Esser sowie das ZDF vor: Dem öffentlich-rechtlichen Sender wurde eine Gegendarstellung samt Unterlassungsansprüche wegen „falscher Tatsachenbehauptungen" zugestellt.

Zum einen verwahrt sich der Verlag gegen den Vorwurf, Pharma-Unternehmen könnten durch Anzeigenschaltungen redaktionelle Inhalte der „Apotheken Umschau" beeinflussen. So würden die redaktionelle Unabhängigkeit und die wissenschaftliche Korrektheit der Inhalte durch zahlreiche Maßnahmen sichergestellt. „Unter anderem wird jeder Text durch zwei Fachwissenschaftler Kontrolle gelesen", erklärt Hartmut Becker, Herausgeber der „Apotheken Umschau". Zudem würden Produktnamen in der AU grundsätzlich nicht genannt, so auch nicht in dem betreffenden Bericht, der „Pharma Relations" vollständig vorliegt.

Keine Produktnennung

Auch die Anschuldigung von Witwer Schröder, die „Apotheken Umschau" habe unkritisch über neuartige Mittel zur Behandlung von Depressionen berichtet, sei nachweisbar falsch, erklären konzertiert Redaktionsdirektor Günter Haaf, der stellvertretende Redaktionsdirektor Bernd Schwedhelm, die beiden Chefredakteure Peter Kanzler und Dr. Hans Haltmeier sowie Verlagsgeschäftsführer Dr. Jens Emmer und Becker selbst.

„Wir hätten uns gewünscht, die Mitarbeiter von ,Frontal 21´ hätten den Beitrag der „Apotheken Umschau" auch gelesen, den sie so massiv kritisieren", erklären die Verlags-Chefs gemeinsam. Im Artikel, der in dem TV-Report in die Kamera gehalten wurde, werde im Gegenteil explizit darauf hingewiesen, dass die neuartigen Antidepressionsmedikamente „keine Wundermittel" (Zitat) sind. Mögliche Nebenwirkungen („Vermehrte Unruhe, Angst und gesteigerte Aggressivität") werden genannt und abschließend werde auch auf die Gefahr eines möglichen Suizidversuchs wie folgt hingewiesen. Wörtlich aus dem Beitrag11 vom November 2004: „Ein großes Problem zu Beginn der Behandlung: Depressive sind gefährdet, sich in dieser Phase das Leben zu nehmen. Denn noch bevor sich die Stimmungslage bessert, steigern die Antidepressiva die Antriebskraft. Und das kann in einer Kurzschlusshandlung, einem Suizidversuch, enden."

Wenn wirklich Menschen im Zusammenhang mit der Einnahme von Medikamenten verstorben sind, ist das mehr als tragisch: Das muss dokumentiert, dem muss nachgegangen werden! Welche Rolle aber einem Medikament, der Persönlichkeit, einer wie auch immer gearteten oder ausgelösten Persönlichkeitsstörung oder auch dem sozialen Umfeld zukommen mag, das vermag wohl niemand zu sagen. Doch mit Schützenhilfe eines Alt-Pharmamanagers den Fall daraus zu konstruieren, dass nahezu die ganze Pharma-Industrie an Mammon ohne Rücksicht auf Verluste interessiert sei, sollte wohl eher den Medienrat beschäftigen.

Dazu Virapens O-Ton in „Frontal 21", der heute — nach knapp zwei Jahrzehnten, in denen er nicht mehr bei Lilly tätig ist — vor jenen Leuten Angst zu haben vorgibt, zu denen er gehört haben will und die „zu allem fähig" seien: „Sie verkaufen ihnen gefährliche Medikamente, um Geld zu machen. Nichts anderes! Falls Sie denken, dass die Pharmaindustrie Medikamente auf den Markt bringt, um ihnen zu helfen — Vergessen Sie„s!

 

Zum Nachlesen/-recherchieren

0) http://pharma-relations.de

1) http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/1/0,1872,1001633,00.html?dr=1

2) http://www.tokol.de/forum/index.php/topic,14810.msg191660.html#msg191660

3) http://gegen-pfizer.blogspot.com/2008_05_01_archive.html

4) http://www.focus.de/kultur/kino_tv/focus-fernsehclub/das-pharmakartell-krankes-geschaeft_aid_353745.html

5) http://www.welt.de

6) http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/27/0,1872,7489659,00.html

7) http://pharmamkting.blogspot.com/2007/12/lilly-sweden-bribes-and-conspiracy.html

8) http://absolutbuch.de/-p-45.html?zenid=e20d6637e118a6acf49ef26c0383da54

9) http://www.stern.de/blog/42_pharmablog/archive/607_a_story_from_a_pharma-insider.html

10) http://vlex.com/vid/20190149 — United States Court of Appeals No. 95-1407

11) http://www.gesundheitpro.de/Apotheken-Umschau-vom-Wege-aus-der-Depression-Depression-A081210MAIRP104315.html

 

Januar 2009, Ausgabe Nr. 1

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