Verletzungen gehören im Spitzensport dazu. Die körperliche Belastung der Leistungssportler:innen ist enorm, für den Sieg gehen sie an körperliche Grenzen. Gerade Fußball als intensiver und körperbetonter Sport zählt zu den Disziplinen mit dem höchsten Verletzungsrisiko. Fast die Hälfte der Sportverletzungen passiert in Deutschland auf dem grünen Fußballrasen.

Verletzungsrisiko im Spitzensport

„In den allermeisten Fällen geht es um Tritte oder Schläge vor allem im Bereich der unteren Extremitäten, etwa dem Schienbein oder Knöchel. Dort findet im Spiel die meiste Aktion statt“, erläutert Marc Weiss. Der 51-Jährige ist Physiotherapeut und betreut gemeinsam mit seinem Team die Spieler des Fußball-Bundesligisten 1. FC Heidenheim. Auch Kopfverletzungen wie Platzwunden gebe es regelmäßig. „Wirklich lebensgefährliche Situationen hatte ich in meiner gut 30-jährigen Laufbahn aber zum Glück noch nicht.“

Er spielt dabei auf Situationen an, die tatsächlich kritisch für Spieler waren. So beispielsweise der spektakuläre Zusammenbruch des dänischen Nationalspielers Christian Eriksen bei einem EM-Spiel 2021. Damals erkannte ein aufmerksamer Arzt vor Ort die Anzeichen für einen Herzstillstand, noch auf dem Spielfeld wurde Eriksen per Herzdruckmassage und mithilfe eines Defibrillators reanimiert. Das Gerät führt das Herz durch gezielte Stromstöße in seinen normalen Rhythmus zurück – Medizintechnologie, die Leben rettet. Mittlerweile trägt Christian Eriksen einen implantierten Defibrillator. Dieser erkennt Herzrhythmusstörungen und greift automatisiert ein. Eriksen kann so weiterhin im Spitzensport mitspielen. Aktuell spielt er beim deutschen Bundesligisten VfL Wolfsburg.

Die meisten Verletzungen im Fußball sind – glücklicherweise – weniger schwerwiegend. Sie betreffen am häufigsten die Muskulatur, das Knie- oder Fußgelenk sowie den Kopf eines Spielers.

„Bei Verletzungen ist eine rasche Behandlung extrem wichtig“, so Physiotherapeut Marc Weiss. „Um den Spieler schnell wieder fit zu bekommen, aber auch um dauerhafte Schäden zu verhindern.“ Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Erstversorgung direkt auf dem Spielfeld. Man kennt das Bild: Ein Spieler geht zu Boden, das medizinischen Betreuerteam seiner Mannschaft steht Sekunden später auf dem Feld und versorgt die Verletzungen. Immer mit dabei ist der Versorgungskoffer des Mannschafts-Physiotherapeuten. Alle enthaltenen Medizinprodukte sind speziell auf das Verletzungsrisiko im Fußball abgestimmt. Marc Weiss: „Da hat letztlich jeder Physio seine eigene Philosophie, was in den Koffer rein muss. Aber ein paar Klassiker gibt es natürlich schon.“

Neben Kühlsprays kommen etwa Kompressionsverbände regelmäßig zum Einsatz. Sie helfen bei Prellungen der Muskulatur – auch „Pferdeküsse“ genannt –, verhindern Einblutungen und beugen Schmerzen vor. Kleine offene Verletzungen wie Schürfwunden werden mit Erste-Hilfe-Sprays und -Salben behandelt. Sie reinigen die Wunde und reduzieren Blutung und Schwellung. Für Platzwunden gibt es Schnellsets mit Darmabondkleber oder Tacker, die eine Wunde kurzfristig verschließen, sodass der Spieler weiterspielen kann. All diese Utensilien sind Medizinprodukte. Sie zeichnen sich – in Abgrenzung etwa zu Medikamenten – dadurch aus, dass sie primär eine physikalische Wirkung haben, etwa Schmerzlinderung durch Kälte. Sie tragen in der Regel eine CE-Kennzeichnung mit Angabe der Risikoklasse.

Akute Behandlung am Spielfeldrand und im Stadion

Ist die Verletzung ernster, muss das Team auf dem Spielfeld binnen Minuten die Entscheidung treffen, ob der Spieler weiterspielen kann oder vom Spielfeld genommen wird. Marc Weiss: „Das ist manchmal herausfordernd, weil großer Zeitdruck herrscht und zugleich der Spieler voller Adrenalin ist, was Tests verfälschen kann.“ Um hier rasch und gut handeln zu können, gibt es klare Vorgaben. Beispiel Gehirnerschütterung: Wenn der Verdacht besteht, ist ein klares Protokoll zu befolgen. Dazu zählen neurologische Tests, die noch direkt auf dem Spielfeld durchgeführt werden. Beispielsweise werden dabei die Pupillen gecheckt, Sensibilitätsstörungen abgeprüft und getestet, ob der Spieler ansprechbar und orientiert ist. „Letztes Jahr im Mai hatten wir beim Bundesliga-Heimspiel gegen den VfL Bochum einen solchen Fall“, berichtet Marc Weiss. „Nach einem Zusammenprall mussten wir unseren Torhüter Kevin Müller aus dem Spiel nehmen. Der Verdacht hat sich Krankenhaus als richtig bestätigt, er hatte eine Gehirnerschütterung erlitten.“ Um solche Entscheidungen zu treffen, brauche es viel Erfahrung. „Mit den Jahren entwickelt man ein Gespür dafür, wann es weitergehen kann und wann nicht.“

Manche Verletzungen werden am Spielfeldrand oder in der Kabine weiterbehandelt. Der Mannschaftsarzt hat dort zusätzliche Medizinprodukte zur Verfügung, etwa Spritzen oder Kanülen, um per Injektion nötige Arzneimittel schnell in den Blutkreislauf zu applizieren. Der Arztkoffer enthält aber auch Utensilien wie Sauerstoffflaschen, Beatmungsbeutel, Absaugpumpen, Infusionsflaschen und -besteck sowie ein Stethoskop und ein Skalpell. Übrigens: Auch die Trage, mit der Spieler im Ernstfall vom Spielfeld gebracht werden, ist ein Medizinprodukt. Bei WM-Spielen steht zudem immer ein eigener Sanitätsbereich zur Verfügung, der in seiner Ausstattung einer Notfallambulanz im Krankenhaus ähnelt. Medizinprodukte sind auch hier fester Bestandteil und unentbehrlich.

Nachsorge und vorbeugende Behandlung

Medizinprodukte helfen im Akutfall, unterstützen aber auch in der detaillierten Diagnose, der Nachbehandlung und der Prävention. Gerade im Profifußball ist es wichtig, dass die Spieler nach Verletzungen schnell wieder auf die Beine kommen und weiterspielen können. Oder Verletzungen möglichst gar nicht erst entstehen. Eine wichtige Rolle können etwa Bandagen und Tapes spielen, die Gelenke nach Verletzungen stabilisieren. Neueste Generationen von Sprunggelenksbandagen verbessern zusätzlich die Blutzirkulation und den Lymphfluss, reduzieren Blutergüsse und Schwellungen und beugen so Schmerzen vor. Auch Marc Weiss setzt im Training seiner Spieler regelmäßig Tapes ein: „Spieler, die gerade eine Verletzung etwa am Sprunggelenk auskuriert haben, bekommen von uns zu jedem Training ein individuell angepasstes Tape. Das stabilisiert zusätzlich und mindert das Risiko weiterer Verletzungen.“

Viel genutzt wird auch die Stoßwellentherapie. Sie kommt insbesondere bei einer Reizung der Patellasehne oder der Achillessehne zum Einsatz. Das Gerät gibt Druckwellen ab, stimuliert so den Stoffwechsel und beschleunigt die Heilung der gereizten Sehne. „Die Stoßwelle hilft unseren Spielern ungemein, auch bei Muskelverhärtungen“, so Marc Weiss. Auch Ultraschall- und Reizstromgeräte kommen für die gleichen Beschwerden zum Einsatz. Sie erzielen mit Schallwellen und Reizstromimpulsen eine ähnliche Wirkung. Zudem ist das Thema Kühlung wichtig. Marc Weiss und sein Team arbeiten mit „Game Ready“, einem tragbaren System, das Kälte- und Kompressionstherapie kombiniert. Es beschleunigt nach Verletzungen und Operationen den Heilungsprozess. Es hilft bei akuten Verletzungen am Muskel oder auch bei Schlagverletzungen, so dass gar nicht erst eine Schwellung oder ein Hämatom entsteht.

Seit dem plötzlichen Herzstillstand von Christian Eriksen bekommt übrigens auch das Thema Plötzlicher Herztod größere Aufmerksamkeit in der Prävention. So bekommen seitdem alle Ärzte und Physiotherapeuten der Ersten und Zweiten Bundesliga jährlich eine Schulung, um Herzprobleme rasch zu erkennen und zu behandeln. Und ein Defibrillator ist natürlich bei jedem Spiel im Notfallkoffer.

MedTech als Enabler für den Spitzensport

Der Physiotherapeut betont, wie wichtig es ist, verschiedene Tools „in der Schublade“ zu haben, um bei jeder Verletzung optimal und rasch helfen zu können. Mittlerweile hat der Verein die meisten der medizintechnischen Geräte selbst angeschafft. „Die Spieler müssen für die Behandlung nicht mehr zu einer Praxis fahren, sondern können das sehr individuell und flexibel hier vor Ort nutzen.“

Die vielen Beispiele zeigen: Medizinprodukte und -technik sind aus dem Spitzensport längst nicht mehr wegzudenken. Sie leisten einen wichtigen Beitrag dazu, dass Verletzungen bei Sportler:innen – nicht nur im Fußball – schneller, schonender und vollständiger behandelt werden können und Betroffene rascher wieder ins Training und in Wettkämpfe einsteigen können. Auch Langzeitfolgen werden dank MedTech seltener.

Mitunter retten die medizintechnologischen Helfer sogar Leben – im Sport genauso wie im echten Leben. Von Erste-Hilfe-Kästen im Auto über Insulinpumpen bei Diabetes bis hin zu Defibrillatoren, die bei plötzlichem Herzversagen zum Einsatz kommen: Jeder Einzelne hat regelmäßig Kontakt mit MedTech und kann im Ernstfall wachsam sein und eingreifen.