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„Health-Guide statt Halbgott in Weiß“

31.08.2018 15:55
Die Digitalisierung macht auch vor dem Gesundheitswesen nicht halt. Patienten sind immer besser informiert, Diagnosen fallen immer häufiger auch schon ganz ohne Arzt. Doch Sorge, dass der Berufsstand überflüssig wird, hat Dr. Tobias Gantner nicht. Im Gegenteil: Er ist sich sicher, dass Ärzte künftig wieder mehr Zeit für echte Zuwendung haben werden. Ein Gespräch über die digitale Transformation und ein verändertes Rollenverständnis von Arzt und Patient.

>> Herr Dr. Gantner, Sie sind nicht nur Arzt, sondern auch Innovator. Als Gründer der HealthCare Futurists GmbH, einer Netzwerk-Plattform für Denker, Beweger und Erneuerer im Gesundheitswesen, sind Sie so nah an Healthcare-Trends wie kaum ein anderer. Welches sind Ihrer Meinung nach zurzeit die Haupttrends?
Ich sehe da eigentlich zwei Trends, die miteinander verbunden sind und die sich auch gut verbinden lassen: zum einen die Digitalisierung – wie in allen anderen Lebensbereichen auch – und damit die leichtere Informationsbeschaffung und -auswertung, und zum anderen die Patientenzentriertheit, d. h. der Patient steht mit seinen Bedürfnissen viel mehr im Mittelpunkt als früher. Wobei beides ja streng genommen schleichende Entwicklungen sind – seit der Mensch lesen und schreiben kann, kann er sich besser informieren und auf anderen Grundlagen Entscheidungen treffen. Mit der Digitalisierung geht halt alles ein bisschen schneller.

Wie wird sich durch die Patientenzentriertheit der Gesundheitsmarkt ändern?
Dadurch, dass sich heute jeder Mensch dank Internet und mobilen Anwendungen jederzeit über alles und jedes informieren kann, erhält er mehr Wissen und damit auch mehr Entscheidungskompetenz. Damit verliert der Arzt seine Rolle als Halbgott in Weiß und wird mehr und mehr zu einem „Health-Guide“, einem Gesundheitscoach. Der Patient ist quasi Kunde und erwartet auch einen gewissen Service von Arzt und Apotheke – zum Beispiel, dass sie ihm nach einem Gespräch die Informationen per E-Mail oder SMS zuschicken und der Patient in Ruhe noch mal alles nachlesen, gegebenenfalls auch ihm unverständliche Begriffe nachschlagen kann und dergleichen.

Ist es für Ärzte nicht manchmal schwierig, wenn der Patient selbst seine Diagnose im Netz recherchiert und dann beim Arzt sagt „Guten Tag, ich habe Krankheit x und brauche von Ihnen jetzt y“?
Ja, in der Tat muss man als Arzt seinen Patienten manchmal zunächst möglicherweise „entgoogeln“ und ihm auch erklären, dass nicht alle Seiten im Netz seriöse und wissenschaftlich fundierte Informationen liefern. Letztlich aber finde ich jede Form der Auseinandersetzung mit einer Erkrankung enorm wichtig. Die Rolle des Arztes ist es dann, die vom Patienten zusammengetragenen Informationen zu bewerten und ihn darüber aufzuklären. Da sind wir wieder beim Health-Guide.

Wird sich der Gesundheitssektor durch die Digitalisierung und Patientenzentriertheit auch finanziell verändern?
Mit Sicherheit – fraglich ist nur, in welche Richtung. Persönlich glaube ich, dass die digitale Transformation zunächst alles etwas teurer macht, langfristig aber günstiger. Patienten können selber ihre Werte tracken, sie jederzeit zum Arzt überspielen. Krankheiten sind besser diagnostiziert und auch frühzeitiger, sodass man eher eingreifen, zielgenauer therapieren und präventiv arbeiten kann.

Heute lassen sich Krankheiten dank künstlicher Intelligenz (KI) auch ganz ohne Arzt diagnostizieren. Wird der Arzt irgendwann überflüssig?
Auf keinen Fall wird er überflüssig! Ganz im Gegenteil: Der Mensch braucht das Gespräch, das ist Teil der Therapie, Stichwort „sprechende Medizin“. Die ist unverzichtbar. Die KI kann aber gut unterstützen – und auch Zeit für echte Zuwendung freischaufeln, etwa wenn der Arzt nicht selber Befunde in seinen Computer tippen muss, sondern das automatisch geschieht.
In einigen einfacheren Fällen kann sie den Arzt aber tatsächlich ersetzen, zum Beispiel wenn chronisch Kranke regelmäßig ein Rezept brauchen und zwar immer das gleiche. Warum muss er dafür jedes Mal in eine Praxis gehen? Das geht auch einfacher. Und es gibt auch sogenannte „Ohne-Arzt-Praxen“, zum Beispiel zur wiederkehrenden Wundversorgung bei Diabetikern oder ähnlichem. Das können auch Krankeschwestern vor Ort erledigen, und bei Bedarf wird eine spezialisierte Wundschwester zugeschaltet. So erhalten Patienten teilweise eine bessere Versorgung, als wenn sie zu ihrem Hausarzt in der Nähe gehen, der dann aber eben nicht auf diese Problemstellung spezialisiert ist. Nicht vor der künstlichen Intelligenz müssen wir uns fürchten, sondern wir müssen uns vor der natürlichen Dummheit schützen.
Aber grundsätzlich gilt: Der Patient braucht ein empathisches Gegenüber!

Wer trifft denn in Zukunft die Therapieentscheidungen?
Das hat, zumindest in der Theorie, der Patient zu machen – auf Grundlage der Informationen, die er von seinem Arzt erhalten hat. Wir bezeichnen das als „informed consent“. Daran wird sich nichts ändern. Allerdings erhält der Patient immer mehr Informationen auch aus anderen Quellen, die er mit seinem Arzt diskutieren kann. Auch über den Arzt selbst kann er Informationen einholen. Gilt der als Koryphäe bei XY-Operationen? Oder operiert er nur alle Jubeljahre mal? Die Qualität des Arztes ist ja ein prognostischer Faktor, das wird dem Patienten, aber auch den Kostenträgern durch Transparenz an Leistungszahlen und Bewertungen bewusster werden.

Die Politik verspricht, E-Health-Anwendungen voranzubringen und hat einige Regularien zur Digitalisierung im Gesundheitswesen gelockert, etwa das Fernbehandlungsverbot. Wie bewerten Sie das?
Die Regeln sind noch nicht homogen und zurzeit noch länderspezifisch, aber den Trend finde ich grundsätzlich gut. Die Fernbehandlung kann durchaus ein Werkzeug für eine primäre Diagnose sein. Gerade für ältere Menschen, die nicht mehr so mobil sind, oder aber in ländlichen Regionen, in denen es bereits heute an Ärzten mangelt, eine tolle Sache. Gut funktionieren kann das beispielsweise bei einer Zahnuntersuchung. Sie filmen beispielsweise im Heim mit einer Kamera die Mundhöhle von Patienten, am anderen Ende der Stadt oder auch von Deutschland sitzt der Zahnarzt mit einer Virtual-Reality-Brille und schaut sich das an. Bei anderen Problemstellungen geht das nicht. Wenn ich Ihren Bauch abtasten muss, etwa beim Verdacht auf eine Blinddarmentzündung, dann geht das eben nur durch Handauflegen.

Sind andere Länder in puncto E-Health schon weiter?
Möglicherweise Estland, das gilt ja als total digital, was jedoch historisch bedingt ist und auch an der Größe des Landes liegt. Deutschland tut sich vielleicht etwas schwerer damit, Regularien zu lockern. Das ist aber auch nicht so schlimm, denn so ist der Nutzen sichergestellt und man vermeidet, vorschnell etwas zu erlauben. Man muss allerdings Dinge ausprobieren und dann bewerten und versuchen, dass Innovationen nicht an Partikularinteressen scheitern. Gut Ding will Weile haben.

Sie initiieren regelmäßig sogenannte „Hackathon“-Veranstaltungen. Was ist das und wie muss man sich das vorstellen?
Der Begriff ist ein Kofferwort aus „Hacking“ – also kreative Problemlösung – und Marathon. Bei diesen Veranstaltungen kommen 48 Stunden lang Vertreter der unterschiedlichsten Branchen zusammen, um sich in Teams aus fünf bis acht Leuten einer Challenge zu stellen. Darunter sind Ärzte und Apotheker, Pharmazeuten, Vertreter von Krankenkassen oder Patientenorganisationen und auch Patienten selbst, Start-ups, aber auch Softwareentwickler oder Patentanwälte, kurzum – jeder, der Interesse an Veränderung im Gesundheitsbereich haben könnte. In interdisziplinären Teams müssen sie dann Aufgaben lösen.
Manchmal haben wir 12 bis 14 solcher Challenges, die dann sowohl theoretisch als auch praxisnah so weit bearbeitet werden, dass am Ende ein fertiges Produkt oder ein Prototyp steht, der dann in die Entwicklung gehen kann.

Können Sie Beispiele für solche Challenges nennen?
Wir hatten beispielsweise mal eine Patientenchallenge dabei, in der es um die Kombination aus Seh- und Gehbehinderung ging. Der Patient konnte Glasscheiben oder -türen nicht gut erkennen und ist mit seinem Rollator häufiger dagegen gelaufen. Das Problem konnte das Team mit kleinen Ultraschallsensoren lösen, wie Sie die von den Einparkhilfen bei Autos kennen.

Sind die Hackathons speziell für patientenzentrierte Problemlösungen entwickelt worden?
Nicht ausschließlich, denn wir bieten auch für Unternehmen Hackathons in Form eines innovation.labs an. Beim klassischen Hackathon haben wir jedoch überwiegend den Patienten im Fokus. Wir geben ihm eine Stimme, indem wir ihn aktiv ins Boot holen und wie beim Beispiel mit dem sehbehinderten Patienten sein Anliegen ernst nehmen und in einem sogenannten Co-Creation-Prozess eine alltagstaugliche und schnell umsetzbare Lösung schaffen. Manche davon schaffen es dann sogar zur Serienreife.
Aber wir arbeiten auch breiter: Demnächst werden wir in einem Hackathon das Thema „Energy and Space meets Healthcare“ behandeln. Dabei wird es auch darum gehen, wie man den Schwund der Muskelmasse im Alter aufhalten oder zumindest verlangsamen kann. Das Problem haben ja Astronauten im All auch. Wir erhoffen uns dadurch große Erkenntnisse für den Alterungsprozess.

Sie sprechen am 6. November als Keynote-Speaker auf der „RETH!NK Healthcare“ und stellen auch Ihre Hackathons vor. Was kann die Pharmabranche dabei lernen?
Man muss ein Problem ja überhaupt erst einmal sehen – oder eben darauf hingewiesen werden. Und genau das passiert bei den Hackathons. Ich denke, diese Form des interdisziplinären Arbeitens ist generell ein Gewinn für alle Beteiligten. Bei den Hackathons lässt sich aus Kenntnissen und Erfahrungen anderer Fachbereiche lernen, sie sind sehr praxisorientiert, es gibt Technologien zum Anfassen, jede Menge erfolgreiche Beispiele zur Inspiration und Zeit für Austausch darüber, was man vielleicht noch alles machen könnte. Für uns ist Machen wie Wollen, nur krasser. Und wo, wenn nicht bei einem Hackathon, finden Sie sonst solch geballte Expertise?

Herr Dr. Gantner, vielen Dank für das Gespräch. <<

Dr. med. Tobias Daniel Gantner ist studierter Humanmediziner, Philosoph, Jurist und Ökonom. Nach seiner Tätigkeit als Assistenzarzt arbeitete er in Führungspositionen bei mehreren DAX-notierten Konzernen und internationalen Unternehmen der Gesundheitsbranche. Er ist Gründer und Geschäftsführer der HealthCare Futurists GmbH. Sein Interesse gilt patientenzentrierter Innovation im Gesundheitswesen in systemischer, politischer und technologischer Hinsicht – mit dem Fokus auf der digitalen Transformation. Regelmäßig veranstaltet er sogenannte Healthcare-Hackathons, Veranstaltungen, bei denen verschiedene Beteiligte der Healthcare-Branche innovative Lösungen zu Problemen des Gesundheitswesens entwickeln. Mehr Informationen unter http://innovate.healthcare.

Am 6. November 2018 spricht Dr. Tobias Gantner bei Reth!nk Healthcare in Berlin zum Thema „Power to the patient! Trends und Innovationen im Gesundheitswesen“. Jetzt anmelden unter https://rethink-healthcare.com

Ausgabe 09 / 2018

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