78 Prozent der amerikanischen Ärztinnen und Ärzte nutzen ChatGPT, um sich über neue klinische Daten auf dem Laufenden zu halten. Gleichzeitig liegt der Vertrauenswert für KI-Tools bei 4,85 von 7, für klassische Fachquellen wie PubMed oder UpToDate bei 5,52. Ein zentraler Befund der HCP Digital Media/Tools Exploration, die Assembled Intelligence gemeinsam mit inVibe im März 2026 veröffentlicht hat, ist damit die Diskrepanz zwischen Nutzung und Vertrauen.
Assembled Intelligence ist eine US-amerikanische Healthcare-Kommunikationsplattform, inVibe ein auf qualitative Audio-Forschung spezialisiertes Marktforschungsunternehmen. Für die Studie wurden zwischen Dezember 2025 und Januar 2026 150 Ärztinnen und Ärzte aus zwölf Fachrichtungen quantitativ befragt, 20 davon nahmen zusätzlich an unmoderierten Sprachinterviews teil. Die akustische Analyse dieser Interviews ergänzt die quantitativen Ergebnisse um qualitative Einblicke in die Nutzungssituationen verschiedener Informationskanäle.
■ Vier Kanäle, vier Funktionen
Die Studie untergliedert das digitale Informationsverhalten von Ärztinnen und Ärzten in vier Funktionsbereiche. Suchmaschinen dienen als Einstieg in Themen und weisen mit 5,67 von 7 den höchsten Frequenzwert auf. Fachquellen wie peer-reviewte Journals, klinische Leitlinien und spezialisierte Plattformen bilden die Grundlage für klinische Entscheidungen und erreichen mit 5,52 von 7 den höchsten Trust-Wert. KI-Tools werden vor allem zur Verdichtung von Informationen, zur Generierung patientengerechter Sprache und zur Unterstützung administrativer Aufgaben eingesetzt. Social Media und Streaming übernehmen in erster Linie eine Awareness-Funktion und erzielen in den erhobenen Kategorien deutlich niedrigere Werte.
Die Ergebnisse beschreiben damit unterschiedliche Funktionen der Kanäle im Informationsprozess von Ärztinnen und Ärzten. Für das HCP-Marketing stellt sich vor diesem Hintergrund die Frage, inwieweit Inhalte stärker kanalspezifisch aufbereitet werden müssen.
■ KI als Produktivitätswerkzeug
KI-Tools kommen vor allem in Situationen zum Einsatz, in denen Geschwindigkeit eine Rolle spielt und eine gewisse Fehlertoleranz besteht, etwa beim Zusammenfassen von Fachinformationen oder bei administrativen Aufgaben. Bei der Nutzung für neue klinische Daten zeigt sich ein Rückgang. Die Studie beschreibt, dass mit steigender Entscheidungsrelevanz die Orientierung an verifizierten Fachquellen zunimmt.
Im Kontext der Content-Strategie wird dabei hervorgehoben, dass neben der Auffindbarkeit auch die Nachvollziehbarkeit von Inhalten an Bedeutung gewinnt. Klare Quellenangaben, strukturierte Informationen zu Sicherheitsprofilen sowie Verlinkungen zu Primärstudien werden als relevante Faktoren beschrieben, damit KI-generierte Zusammenfassungen im klinischen Kontext anschlussfähig bleiben.Diese Einschätz
ung wird durch Daten aus Deutschland ergänzt. Die AI Visibility Studie 2026 von Smile AI zeigt, dass 68 Prozent der deutschen Ärztinnen und Ärzte strukturierte Zusammenfassungen medizinischer Inhalte bevorzugen. KI-Systeme können diese bereitstellen, sofern die zugrunde liegenden Inhalte entsprechend strukturiert sind. Der Begriff Generative Engine Optimization (GEO) beschreibt diesen Ansatz als Ergänzung zur klassischen Suchmaschinenoptimierung.
■ Generationenunterschiede in der KI-Adoption
Ein weiterer Befund der HCP Digital Media/Tools Exploration betrifft Unterschiede zwischen verschiedenen Karrierestufen. Ärztinnen und Ärzte mit zwei bis zehn Jahren Berufserfahrung nutzen KI-Tools häufiger und mit geringerer Hemmschwelle. Ihr Nutzungswert liegt bei 5,13 von 7. Gleichzeitig zeigen sie eine höhere Offenheit gegenüber digitalen Informationskanälen wie Social Media.
Erfahrene Klinikerinnen und Kliniker mit mehr als zwanzig Jahren Berufserfahrung setzen KI ebenfalls ein, jedoch selektiver. Ihr Nutzungswert liegt bei 4,66 von 7. Die Nutzung klassischer Fachquellen ist mit 5,38 von 7 höher als in der jüngeren Kohorte (5,10 von 7). Die Studie beschreibt diese Unterschiede nicht als digitale Spaltung, sondern als Ausdruck unterschiedlicher Erwartungen an neue Technologien.
■ Übertragbarkeit auf den deutschen Markt
Die Studie basiert auf Daten aus den USA. Vergleichbare Entwicklungen lassen sich jedoch auch für Deutschland beobachten. Laut Doctolib Digital Health Report 2026 nutzen 40 Prozent der deutschen Ärztinnen und Ärzte private KI-Tools wie ChatGPT für Recherchezwecke. Gleichzeitig äußern viele Zurückhaltung bei medizinischen Anwendungen: Rund die Hälfte zeigt sich skeptisch, 60 Prozent zweifeln an der Korrektheit medizinischer KI-Aussagen.
Unterschiede ergeben sich insbesondere durch den regulatorischen Rahmen. Vorgaben wie das Heilmittelwerbegesetz sowie Datenschutzanforderungen führen zu anderen Rahmenbedingungen für den Einsatz von KI im Pharmamarketing. Spezialisierte klinische KI-Plattformen wie OpenEvidence, die in der US-Studie bereits als relevante Nutzungskanäle erscheinen, sind im deutschen Markt bislang kaum verbreitet.
■ Verifikation als Messgröße
Die Studie hebt hervor, dass sich Vertrauen weniger in klassischen Reichweitenkennzahlen abbildet als im Verhalten nach der Nutzung von Inhalten. Dazu zählt etwa, ob Ärztinnen und Ärzte nach einer KI-generierten Zusammenfassung auf Primärquellen zugreifen, Sicherheitsinformationen prüfen oder Studienendpunkte nachvollziehen.
In diesem Zusammenhang beschreibt die Studie eine mögliche Erweiterung bestehender Messansätze. Neben klassischen digitalen Kennzahlen werden dabei auch Nutzungs- und Interaktionssignale wie Verweildauer auf Studienseiten, Abrufe von Sicherheitsinformationen oder Weiterleitungen zu Primärquellen berücksichtigt.
