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„Ein Markt mit sehr großem Potenzial“

12.10.2018 13:00
I‘m say it cure glaucoma, I man a de Bush Doctor“ sang der Reggae-Musiker Peter Tosh in der Kreolsprache seiner jamaikanischen Heimat bereits 1978 – ernst genommen wurde eine solche Aussage damals von kaum jemandem. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Cannabis nicht nur bei Glaukom, sondern bei vielen verschiedenen Erkrankungen einen medizinischen Nutzen haben kann. Viele Länder haben inzwischen den Konsum von Cannabis zu medizinischen Zwecken legalisiert, so auch Deutschland im Jahr 2017. „Pharma Relations“ sprach mit Morten Brandt, Geschäftsführer der Wayland GmbH, über die Herausforderungen in diesem neuen Markt.

>> Herr Brandt, seit wann produziert und vertreibt Wayland medizinisches Cannabis?
Wayland, ehemals Maricann, ist eine kanadische Aktiengesellschaft und wurde 2013 gegründet, zeitnah zur Legalisierung des Medizinal-Cannabis in Kanada. In Deutschland gibt es zwei Gesellschaften: Die deutsche Wayland Gmbh, die sich um die Belange des Medizinal-Cannabis kümmert, gibt es seit 2016. Die Unternehmensgründung könnte man visionär nennen, denn die Legalisierung fand ja erst im März 2017 statt. Daneben gibt es auf dem deutschen Markt die Mariplant GmbH, die im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel tätig ist. Hier geht es ausschließlich um Produkte, die Cannabidiol (CBD), aber nicht die psychoaktive Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) enthalten. Dafür beziehen wir Industriehanf von deutschen Vertragslandwirten.

Beim medizinischen Hanf ist das anders?
Ja, den bauen wir bisher nur in Kanada an – indoor und unter genauestens kontrollierten Bedingungen. Wir haben bereits die GMP-Zertifizierung für den deutschen Markt, die Großhandels- und Betäubungsmittellizenz ist beantragt. Wenn alles unseren Planungen entsprechend läuft, können wir im Oktober dann auch die erste Importlizenz beantragen.

Wie groß ist die Wayland GmbH?
In Deutschland sind wir ganz klar ein Start-up. Ich könnte Ihnen jetzt eine Mitarbeiterzahl von 10 nennen, aber das ist sehr wahrscheinlich morgen schon nicht mehr gültig, und gestern waren wir noch zu acht (lacht). Wir entwickeln uns sehr dynamisch. Ähnlich ist es übrigens auch in Kanada. Dort haben wir zwar schon 100 Mitarbeiter, aber wir sind dabei, unsere Anlagen auszubauen, sodass sich die Mitarbeiterzahl in sehr kurzer Zeit verdoppeln könnte.

Wie beurteilen Sie den deutschen Markt für Medizinal-Cannabis?
Sehr dynamisch, auch wenn die reinen Zahlen heute vielleicht nicht ausdrücken, wie groß die Dynamik noch wird. Im Moment sind es sechs GMP-zertifizierte kanadische und ein niederländisches Unternehmen, die nach Deutschland importieren. Da die Ausschreibung für den Anbau in Deutschland zunächst zurückgezogen wurde, wird der Markt zurzeit ausschließlich über Importe bedient. Daher gehe ich davon aus, dass sich die Zahl der Importeure noch deutlich erhöhen wird.
Im November nehmen wir an der neu aufgelegten Ausschreibung zum Cannabis-Anbau in Deutschland teil und gewinnen dann hoffentlich ein Los. Das wäre ein ganz wichtiger Meilenstein für die deutsche Wayland.

In welchen Indikationen kann medizinisches Cannabis eingesetzt werden?
Es gibt rund um die medizinische Wirkung von Cannabis noch viele offene Fragen, aber klar ist, dass es im menschlichen Körper ein Endocannabinoid-System gibt. Das Wunderbare an der Cannabis-Pflanze ist, dass die beiden bisher bekannten Rezeptoren – CB1 und CB2 – von der Pflanze direkt bedient werden können, und das erklärt, warum Cannabis bei unheimlich vielen Indikationen und Erkrankungen helfen kann. Das ist sehr ungewöhnlich, denn normalerweise habe ich einen Wirkstoff für eine spezifische oder zumindest für eine sehr begrenzte Anzahl an Indikationen. Bei Cannabis ist die Behandlung chronischer Schmerzen, von Spastiken bei Multipler Sklerose, von Appetitlosigkeit bei Krebs- und HIV-Patienten und von Übelkeit in Folge einer Chemotherapie bereits etabliert.
Effektiv eingesetzt werden kann medizinischer Hanf aber auch beim Tourette-Syndrom und bei Epilepsie – dafür wurde Cannabis in den USA unlängst zugelassen und auch in Deutschland läuft ein entsprechendes Zulassungsverfahren. Weitere Indikationen sind ADHS, Glaukom, COPD, Darmerkrankungen und Parkinson. Es ist also ein sehr breites Indikationsspektrum, über das wir reden, was unmittelbar auch bedeutet, dass die Aufklärung dazu ein sehr großes Feld ist.
Diese einmalige Indikationsbreite zeigt sich übrigens auch daran, dass im Gesetz keine Indikation für die Ausnahmeverordnung mit Cannabis genannt wird, sondern es wird lediglich von einer „schwerwiegenden Erkrankung“ gesprochen. Das kennt man sonst nicht.

Verschreiben die deutschen Ärzte weniger Cannabis als es möglich oder vielleicht sogar nötig wäre?
Das denke ich schon. In Kanada wird der Markt schon seit 2013 bedient, daher kann man dort ganz gut sehen, wie groß das Patientenpotenzial ist. Wir gehen von mehr als einem Prozent der Bevölkerung aus, die von medizinischem Cannabis profitieren könnten. In Kanada werden bei einer Bevölkerungszahl von knapp 40 Millionen pro Jahr rund 200 Tonnen Cannabisblüten verschrieben. Es gibt Forecasts, die für Deutschland in 10 Jahren ein Marktpotenzial von 7 Milliarden Euro sehen. Ich lege mich ungern auf Zahlen fest, sondern spreche lieber von einem sehr großen Potenzial, das aber nur realisiert werden kann, wenn die entsprechenden Grundlagen geschaffen sind.

Worin bestehen für sie als cannabisproduzierendes Unternehmen denn die größten Herausforderungen?
Eine Herausforderung liegt sicher darin, dass sowohl Ärzte als auch Apotheker keine Erfahrung mit Cannabisblüten haben. Die Pflanze ist zwar Jahrtausende alt, aber durch das Verbot war es Heilberuflern nicht möglich, Erfahrungen mit ihrer medizinischen Anwendung zu sammeln. Das bedeutet gleichzeitig auch, dass medizinische Evidenz, wie sie heute zu Recht bei Arzneimitteln gefordert wird, gar nicht vorliegen kann. Das ist das oft zitierte Cannabis-Paradoxon: Einerseits hat man wahnsinnig viele Patientenberichte über die effektive Wirkung und weiß daher, in welchen Bereichen es erfolgreich angewendet werden kann. Auf der anderen Seite fehlt aber die klinische Evidenz, die erforderlich ist. Das sind daher die großen Aufgaben: Aufklärung und Schulung der Ärzte und Apotheker bei gleichzeitiger Durchführung von klinischen Studien, um eine Evidenz aufzubauen.

Cannabis war jahrzehntelang fast ausschließlich als illegale Droge ein Thema in der öffentlichen Diskussion. Haben Heilberufler auch Hemmungen, Cannabis zu verschreiben, weil sie durch diese Diskussionen geprägt sind?
Das spielt bedauerlicherweise auch eine Rolle. Es gibt viele Klischees im Markt, die mit der Illegalität der Vergangenheit zusammenhängen. Es ist ja allgemein bekannt, dass die Verwendung als Droge trotz des Verbots gegeben war und ist, daher gibt es beim medizinischen Cannabis nun durchaus das Vorurteil „Der Kiffer bekommt sein Cannabis jetzt auf Rezept“ – also auf Kosten der Gemeinschaft. Es wäre naiv zu glauben, das so etwas gar nicht im Raum steht.

In welchen Darreichungsformen gibt es medizinisches Cannabis?
Wayland bietet aktuell ausschließlich getrocknete Blüten an. Sobald wir die erforderlichen Lizenzen haben, beliefern wir die Apotheken mit Blüten, die der Apotheker dann zerkleinern und in der verordneten Menge abwiegen muss. Je nach Cannabisart haben die Blüten unterschiedliche Anteile an THC und CBD, was bei der Verordnung berücksichtigt werden muss. Darüber gibt es auf dem deutschen Markt Mundsprays, ölige Lösungen und Kapseln.

Wie nehmen die Patienten die Blüten zu sich?
Cannabisblüten werden meist inhaliert – idealerweise mit einem Verdampfer, was eine vergleichsweise standardisierte Applikation der Cannabinoide ermöglicht. Des Weiteren können die Blüten auch in Backwaren verarbeitet oder als Teeaufguss eingenommen werden. Auch Rauchen ist möglich, aus medizinischer Sicht aber nicht empfehlenswert.
Grundsätzlich stehen wir vor der Herausforderung, Darreichungs­formen zu entwicklen, die (noch) besser akzeptiert werden, ohne dass ich den Effekt der ganzen Pflanze verliere. Naheliegend wären Extrakte, also Öle, die ich in unterschiedlichen Formen, zum Beispiel als Kapseln, anbieten könnte. Das Problem, das sich bisher dabei stellt, besteht darin, dass ich anscheinend einen Teil der Wirksamkeit der Pflanze verliere, wenn ich sie auf einzelne Wirkstoffe reduziere. Man spricht in einem solchen Fall von einem Entourage-Effekt: Die Wirkung ist deutlich besser, wenn ich die Substanzen der ganzen Pflanze bzw. Blüte zu mir nehme, als wenn ich isolierte einzelne Substanzen konsumiere. Wir als Industrie, aber auch die Wissenschaft müssen das Zusammenspiel der verschiedenen Substanzen – neben den beiden bereits genannten enthält eine Pflanze noch etwa 100 weitere Cannabinoide – einfach besser verstehen.

Was wären denn die nächsten Schritte, wenn Sie alle erforderlichen Lizenzen erhalten haben?
Um Aufklärungsarbeit bei den Fachzielgruppen zu leisten, adaptieren wir zurzeit eine Online-Schulung, die wir bereits in Kanada erfolgreich angeboten haben. Auch Präsenz-Fortbildungsveranstaltungen kann ich mir sehr gut vorstellen. Und einen Außendienst werden wir sicherlich auch aufbauen, wenn die Zeit dafür reif ist. Im Moment ist die Situation im Markt ja noch so, dass man sagen kann, dass es vorrangig um das Bedienen der Nachfrage geht, denn die ist noch höher als das Angebot.
Wir werden daran arbeiten, klinische Studien zu spezifischen Indikationen durchzuführen und abzuschließen, und uns parallel intensiv mit der Entwicklung von Darreichungsformen beschäftigen, die im Pharmaumfeld üblicher sind und daher von den Patienten auch leichter akzeptiert werden. Aber wie wir wissen: Arzneimittel-Zulassungen dauern lange, da wären drei bis vier Jahre schon ein sehr zügiger Verlauf.

Herr Brandt, vielen Dank für das Gespräch. <<

Ausgabe 10 / 2018

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